"Wir sind ehrlicher als die Formel 1"
Motorrad-Weltmeister Valentino Rossi hält sich für den Größten und Schumacher immerhin für clever
WELT am SONNTAG: Sie dominieren den Grand-Prix-Sport auf Ihrem Motorrad wie Michael Schumacher in seinem Boliden, gewannen vier Titel und können heute beim Saisonfinale in Valencia in der Klasse bis 990ccm im 17. Rennen zum zwölften Mal triumphieren. Fährt Herrn Rossi das Glück, das er sucht, hinterher?
Valentino Rossi: Der beste Fahrer und das beste Motorrad haben gewonnen. Diese Strecke liegt mir nicht so sehr. Da stehen die Chancen für meine Verfolger gut. Ich habe aber nicht nur Glück, sondern auch ein tolles Team.
WamS: Das klingt nach Michael Schumacher.
Rossi: Mit feinen Unterschieden. Michael verdient wesentlich mehr als ich. Gut für ihn, schlecht für mich. Mein Sport ist ehrlicher, näher dran an der realen Welt als die sterile Formel 1. Dort ist die Technik wichtiger als der Fahrer. Computer steuern die Autos. Schalten Sie bei Schumacher oder Montoya doch mal die elektronischen Fahrhilfen ab. Die fliegen in der nächsten Kurve glatt in den Reifenstapel ab.
WamS: Fahren Sie in Ihrer Freizeit lieber Zwei- oder Vierrad?
Rossi: Motorrad, fast immer.
WamS: Sie wohnen in London. Probleme mit dem Verkehr?
Rossi: Ein Albtraum. Und erst das Wetter. Für mich ist das ein gutes Training, wenn ich bei Regen im Stau Schlangenlinien fahren kann.
WamS: Wann haben Sie den letzten Strafzettel kassiert?
Rossi: Mit dem Motorrad noch nie, da bin ich wohl einfach ein bisschen wendiger als die Polizei. Mit dem Auto haben sie mich schon drangekriegt. Und zwar regelmäßig, wenn ich von meiner Heimatstadt Tavullia unterwegs nach Bologna zur Motorshow bin.
WamS: Bei einem WM-Lauf haben Sie mal Ihrem Kontrahenten Max Biaggi bei Tempo 200 einen Ellbogencheck versetzt. Provozieren Sie gern?
Rossi: Auf der Rennstrecke bevorzuge ich einen extremen Stil. Wenn mir einer ins Gehege kommt, kann ich auch nichts machen. Ich bleibe aber immer fair.
WamS: Wenn Sie in London an einer Ampel stehen, animieren Sie Ihren Nebenmann zum Schnellstart?
Rossi: Ich fahre privat eine Honda CBR 600 mit dem Valentino-Rossi-Schriftzug, ich trage einen Valentino-Helm und die Valentino-Lederjacke. Ich bin mein größter Fan. Der neben mir kommt gar nicht auf die Idee, dass ich das bin.
WamS: Warum ziehen Sie London zum Beispiel Monaco vor, wo viele Formel-1-Piloten leben?
Rossi: Monaco ist gut für zehn Tage, ein Rentnerparadies. London ist näher dran am Leben, wie Motorradfahren. Die Leute sind manchmal rau, aber immer ehrlich. Und es gibt coole Bars und Lounges ...
WamS: ... wo Sie von Ihren weiblichen Fans begeistert empfangen werden.
Rossi: Das hört sich toll an, nicht wahr? Wenn du Erfolg hast, kommen die Frauen ganz von allein. Da sind sie wie ihr Journalisten. Aber das Problem ist, dass sie alle sehr, sehr jung sind. Für die wirklich schönen Frauen muss auch ein Valentino Rossi kämpfen.
WamS: Mit Erfolg?
Rossi: Bisher sind sie mir nur im Traum erschienen.
WamS: Würden nicht Frauen zur größeren Attraktivität des Motorsports beitragen?
Rossi: Nein, das ist ein Männersport. Wie Boxen.
WamS: Wir haben in Deutschland die Faustkämpferin Regina Halmich und die Motorradfahrerin Katja Poensgen.
Rossi: Ach ja, Katja. Ich kenne sie. Eine schöne Frau. Was macht sie gerade?
WamS: Nach ihrem kurzen Debüt in der Halbliterklasse testet sie und hofft auf einen neuen Vertrag.
Rossi: So eine Attraktion funktioniert vielleicht ein Jahr, dann ist der Reiz vorbei. Sie macht ihre Sache gut. Ich mag sie wirklich, aber es kann nicht darum gehen, die Letzte unter den Männern zu werden. Wer will das sehen? Es ist der Sieg, der zählt.
WamS: Mit Verlaub, aber Ihre Siegesfahrten haben zuletzt immer weniger Fans verfolgt. In der Formel 1 hat man Reformen eingeführt. Könnten Sie sich mit einem Punktesystem arrangieren, das den zweiten Platz aufwertet, so dass der Motorrad-Grand-Prix wieder spannender wird?
Rossi: Das ist Unsinn. Ein Sieg ist das Höchste, wonach ein Sportler strebt. Ich würde sogar 30 statt 20 Punkte für Platz eins vergeben.
WamS: Was in der Formel 1 das Duell Schumacher gegen Villeneuve war, ist im Motorradsport der Zweikampf Rossi gegen Max Biaggi. Der "Mozart des Motorradsports" gegen den Draufgänger "Mad Max". Gefällt Ihnen diese Rollenzuteilung?
Rossi: Die Fans mag das anheizen. Ich mache keinen Unterschied, ob ich gegen Biaggi, Alex Barros oder Tohru Ukawa fahre. Max hat mich mal ein unreifes Bürschchen genannt. Das sagt alles. Er kann nicht verlieren.
WamS: Wurmt es Sie, dass Biaggi 1999 schon einmal Schumachers Ferrari testen durfte.
Rossi: Danach hieß es: Jetzt muss der Valentino auch nach Maranello. Wissen Sie, was Luca di Montezemolo (Ferrari-Präsident, d. R.) gesagt hat?
WamS: Nein.
Rossi: Wir sind nicht bei Avis (Autovermietung, d. R.).
WamS: Sie haben angeblich ein Angebot vom Formel-1-Team BAR.
Rossi: Das haben die Journalisten und Teamchef David Richards wohl unter sich ausgemacht. Mit mir hat niemand gesprochen. Ich würde zusagen.
WamS: Mitte November fahren Sie in Großbritannien einen Lauf zur Rallye-WM. Am Steuer?
Rossi: Natürlich. Co-Pilot wäre keine Herausforderung für mich. Ich habe schon letzte Woche in den italienischen Alpen den Peugeot getestet. Ich habe noch ein Jahr einen Vertrag bei Honda, vielleicht komme ich ja auf den Geschmack und probiere auch noch ein Formel-1-Auto aus.
WamS: Und Michael Schumacher steigt auf zwei Räder um?
Rossi: Er würde eine Menge Spaß haben und im Gegensatz zu seinem Käfig aus Kohlefaser die Geschwindigkeit hautnah spüren. Sagen Sie ihm: Wenn er will, kann er mich anrufen. Jederzeit. Er braucht nicht mal eine Lizenz. Mein Motorrad steht bereit.
WamS: Das Angebot des Rallyefahrers Colin McRae, die Autos zu tauschen, hat Schumacher ausgeschlagen.
Rossi: Weil ihn Colin in Grund und Boden fährt. Er würde ihm ganz schnell eine Minute abnehmen, und jeder hätte gesagt: Er ist doch nicht der Schnellste. Schumacher ist clever. Cleverer als Sie und ich.
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Valentino Rossi: "Für die Formel 1 war ich zu langsam"
Der italienische Motorrad-Weltmeister vor dem Saisonstart über Michael Schumacher, seine Nummer 46 und zwei schöne Frauen auf einer einsamen Insel
Wenn Valentino Rossi (26) auf dem Motorrad sitzt, ist er gnadenlos. 140 Grand-Prix-Starts, 68 Siege, sechs WM-Titel in acht Jahren. In lediglich 39 Rennen stand der Yamaha-Fahrer nicht auf dem Siegerpodest. Der Lockenkopf aus Tavullia (Provinz Marken) ist vermutlich der beste Motorrad-Pilot aller Zeiten, quasi ein Michael Schumacher auf zwei Rädern. Die Morgenpost sprach mit dem Italiener, der am kommenden Wochenende in Jerez in die Saison startet.
Berliner Morgenpost: Herr Rossi, Sie sind genau wie Michael Schumacher für den Laureus Sport Award nominiert. Mögen Sie den Vergleich mit dem Formel-1-Weltmeister?
Valentino Rossi: Wenn man mit ihm konkurriert, ist das eine Auszeichnung. Er ist einer der professionellsten Sportler der Welt. Klar mag ich den Vergleich.
Dann wäre es doch sicher auch eine willkommene Herausforderung für Sie, gegen ihn in der Formel 1 anzutreten?
Ehrlich gesagt geht mir das ein wenig auf die Nerven. Ich bin schon hundertmal in die Formel 1 gesteckt worden. Ich bin 26, habe einen fabelhaften Vertrag bei Yamaha, will wieder Motorrad-Weltmeister werden und sonst erst einmal nichts.
Aber Sie haben 2004 im Ferrari auf der Strecke von Fiorano doch eine gute Leistung gezeigt.
Das stimmt nur zum Teil. Ich bin 2004 dort gefahren. Das hat auch extrem viel Spaß gemacht. Aber ich war viel zu langsam. Ich weiß gar nicht mehr genau, wieviel mir gefehlt hat (etwa drei Sekunden pro Runde, d. Red.), aber selbst wenn es nur eine Sekunde gewesen wäre. Mit einer Sekunde Rückstand ist man in der Startaufstellung irgendwo. Ich will doch nicht von vornherein verlieren.
Der Engländer John Surtees hat es geschafft 1964 Formel-1-Weltmeister zu werden, nachdem er vorher viermal Motorrad-Champion war. Glauben Sie, daß so etwas auch heute möglich wäre?
Ich sage nicht definitiv nein. Aber ich kann es mir nicht vorstellen. Die Entwicklung ist so enorm fortgeschritten, daß man Spezialist sein muß für einen der WM-Titel.
Dennoch haben Sie Spaß an Autorennen.
Ja. Ich verfolge die Formel 1 und ich mag ganz besonders Rallyes. Ich könnte mir vorstellen, irgendwann einmal für Fiat Rallyes zu fahren.
Sie haben das schon mit Erfolg praktiziert.
Ich war mal Dritter bei der Monza-Rallye (in einem Toyota, d. Red). Das war aber keine WM.
Ihre Motorsport-Karriere hat jedenfalls auf vier Rädern angefangen.
Mein Vater und meine Mutter wollten, daß ich Kart fahre. Das ist aber zu teuer geworden und ich mußte aufhören. Zum Glück.
Ihr Vater Graziano war selbst erfolgreicher Motorrad-WM-Starter, hat drei Grand Prix gewonnen.
Er hat mir viel geholfen und er hat sich zum richtigen Zeitpunkt zurückgezogen und mir die Entscheidungen überlassen.
Sie fahren immer noch mit seiner Startnummer 46, obwohl Ihnen die 1 zusteht. Ein Dankeschön?
Zu Anfang nicht, da war es eher so was wie einem Vorbild nacheifern. Als ich dann das erste Mal in der 125er Klasse Weltmeister wurde, bin ich ein Jahr später 250er gefahren. Und beim 250er Titel bin ich in die 500er gewechselt. Weltmeister mit der 1 waren immer Andere, also blieb die 46. Daran wird sich auch nichts mehr ändern. Und Papa freut sich.
Apropos Vorbild. Sind Sie eines?
Ich glaube, ich bin zu jung für ein Vorbild. Ich weiß auch nicht, ob ich dazu tauge. Ich bin in meinem Sport erfolgreich, okay, aber sonst bin ich wie jeder andere. Nur im ganz normalen Straßenverkehr bin ich vorbildlich.
Nach außen sind Sie immer der Spaßvogel. Nach Siegen sind Sie mit einem Hühnerkostüm, einer aufblasbaren Claudia Schiffer, als Robin Hood oder als Supermann auf die Ehrenrunde gegangen. Machen Sie das wirklich nur aus reiner Freude oder demütigen Sie damit die Konkurrenten?
Ich finde es langweilig, nur grinsend in die Zuschauer zu winken. Demütigen will ich niemanden. Ich will gewinnen, nur das zählt. Und wenn ich jemanden nicht mag, dann sage ich ihm das.
Sie haben in Ihrer Karriere bislang drei Spitznamen benutzt. Erst "Rossifumi", dann "Valentinik" und jetzt klebt auf Ihrer Motorrad-Verkleidung ein "Doctor Rossi". Gibt es dafür eine Erklärung?
Ja. Rossifumi lehnt sich an den Japaner Norifumi Abe an, der mein Vorbild war. Valentinik stammt von Donald Duck. Der heißt im Italienischen Paparino. Das bedeutet Tollpatsch. Aber er verwandelt sich manchmal in Paparinik, einen Superhelden. Also war Valentinik doch toll. Und jetzt, als alter Mann, brauche ich ein gutes Image - wie ein Doktor. Im Ernst. Der Doktor stammt von 2001. Wir hatten da beim Südafrika-Rennen in Welkom eine Kampagne gegen Aids. Und da blieb der Doktor irgendwie an mir hängen.
Wen sehen Sie in der kommenden Saison denn als härteste Konkurrenten?
Sete Gibernau, Max Biaggi, Loris Capirossi und meinen Team-Kollegen Colin Edwards.
Und wer von den Vieren wird Weltmeister?
Die nächste Frage bitte.
Letzte Frage: Wen oder was würden Sie am liebsten auf eine einsame Insel mitnehmen - drei Wünsche haben Sie frei.
Zwei schöne Frauen und ein Boot um wieder wegzukommen. Das würde ich aber erst mal verstecken.
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die sind zwar mehr oder weniger uralt.. aber ich könnt mich trotzdem noch drüber schrott lachen...:D
Das Phänomen Valentino Rossi
In einem Zweikampf auf Biegen und Brechen erkämpfte sich Valentino Rossi mit seiner Yamaha den Auftaktsieg in Welkom. Wir fragen uns: Warum ist er so gut?
Muhammed Ali, Franz Beckenbauer, Michael Schumacher oder Steffi Graf: In jeder Sportart existieren Superstars oder fast schon „Sportlerlegenden“ die beinahe als Synonym für ihren Sport gelten. Im Motorradsport sind dies so klingende Namen wie John Surtees, Giacomo Agostini oder Mick Doohan. Und natürlich: Valentino Rossi.
Dabei ist der am 16. Februar 1979 im italienischen Urbino geborene Fünffachweltmeister alles andere als ein vom Erfolgsstreben zerfressener Überfahrer, sondern ein bei allem was er macht vollkommen natürlicher und lustiger Mensch, der sehr viel Spaß an seinem Sport hat.
Jeremy Burgess, der lange Jahre Mick Doohan und danach bis heute Valentino Rossi betreute, fasst dies so zusammen: „Mick Doohan genoss es zu gewinnen, aber Valentino genießt es Rennen zu fahren. Wenn Valentino ein großartiges Rennen fährt und nur Zweiter wird, dann ist er enttäuscht, aber er ist nicht wütend auf den Rest der Welt wie dies Mick immer war. Er wird Dir nicht den Kopf abreißen.“
Denn rollende Köpfe sind Valentino nicht so wichtig wie lachende Gesichter: „Für mich ist es wichtiger Spaß zu haben“, sagt der Italiener, der sich bravourös seinen Weg durch die drei Klassen gebahnt hat. Sobald er den 125er WM-Titel 1997 gewonnen hatte, wechselte er in die 250er Klasse und nach seinem Vizetitel 1998 folgte schon 1999 der neuerliche Triumph, weswegen er direkt und ohne Umschweife wiederum um eine Klasse in die Königsklasse aufstieg.
Aber nach drei Weltmeistertiteln in Folge verließ den nach Motorsport verrückten Rossi die Motivation einen vierten überlegenen Titel mit den Japanern von HRC einzufahren, weswegen er sich eine neue Herausforderung suchte.
Und diese Herausforderung hört auf den Namen Yamaha. „Ich brauchte eine neue Motivation, ein neues Abenteuer“, erinnert sich Valentino heute an den langwierigen Entscheidungsprozess zurück, der für viel Gesprächsstoff in der MotoGP-Welt sorgte. „Immer wenn ich mit den Leuten von Yamaha sprach bekam ich das Gefühl, dass sie mich so sehr wollten um mit ihnen zu siegen. Wir arbeiten an unserem Traum, bei Null zu beginnen und an die Spitze zu gelangen. Dies ist gut für die Motivation und hält diese bei 100%.“
Das Geld, welches der momentan wohl beste Motorrad-Pilot der Welt, dafür einstreicht war jedoch nicht das Hauptargument den Arbeitgeber zu wechseln. „Wenn man die Entscheidung über einen neuen Vertrag fällt, dann kommt das Geld vielleicht an vierter oder fünfter Stelle“, erklärt Rossi. „Es ist aber nicht das Wichtigste. Vor dem Geld muss man entscheiden ob man dieses Bike fahren möchte. Wenn man dann mit diesen Leuten und dem Team zusammenarbeiten möchte, spricht man über das Geld.“
Davon bekommt Rossi bei Yamaha garantiert nicht zu wenig. Dafür muss er bei seinen Ansprüchen – zumindest anfangs – etwas zurückstecken und mit den von Honda mitgebrachten Ingenieuren ein von Grund auf neues Motorrad entwickeln. Doch wer könnte dies besser als Valentino Rossi?
Schließlich gilt der fünffache Champion nicht nur als ein großartiger Racer und brillanter Entertainer, sondern auch als genialer Entwickler, dessen Feedback es den Ingenieuren erlaubt ein Bike schnellstmöglich zu verbessern.
Masao Furusawa, seines Zeichens General Manager bei Yamahas Technology Development Division, beschreibt diesen Prozess wie folgt: „Ich habe Valentino mit der Basis versorgt und nun kümmert er sich um das Feintuning des Pakets. Ich bin davon begeistert wie er dies macht“, so der Japaner, der nun ins Detail geht: „Mein erster Eindruck von Rossi war, dass er ziemlich witzig und immer positiv ist und einen großartigen Charakter besitzt. Ich hätte niemals erwartet, dass dieser lustige Junge technisch so analytisch sein könnte“, lobt Furusawa die technischen Fähigkeiten und das Feedback seines Piloten.
„Rossi hat eine Fähigkeit das Bike für sechs oder sieben Runden zu fahren und gleichzeitig ein halbes Dutzend Bereiche auszutesten. Auf seinen ersten sechs Runden mit dem Bike hat er es komplett durchgecheckt. Aber es ist nicht nur seine Fähigkeit zu verstehen was er testet, sondern auch die Art und Weise wie er die Daten an sein Team und seine Ingenieure weitergibt. Er ist wie ein Computer, der alle Komponenten logisch untersucht. Ich glaube, dass er deswegen der Doctor ist – er untersucht das Problem und bietet ein Heilmittel dafür an.“
Wie Valentino tatsächlich zu seinem Beinamen „the Doctor“ gekommen ist, erklärt der Italiener am besten selbst: „Als ich 2000 zu den 500ern wechselte nahm ich den Namen "the doctor" an, weil man hier wie ein Arzt ruhig und überlegt mit seinem Bike umgehen muss. Zudem gibt es in Italien viele Ärzte namens Rossi. Deswegen wurde ich Doctor Rossi.“
Der Rennsportvirus wurde dem kleinen Valentino hierbei von Vater Graziano, der 1979 drei 250er Grand Prix auf Morbidelli gewann, in die Wiege gelegt. Begonnen hat Rossi seine „Motorsportkarriere“ bereits im zarten Alter von zwei Jahren auf einem Motorrad. Danach interessierte sich der heutige Yamah-Pilot allerdings eher für den Automobilrennsport, weswegen er auch in den Kartsport einstieg, welchen er aus Kostengründen jedoch zu Gunsten einer Motorradkarriere aufgeben musste.
Keine schlechte Entscheidung möchte man meinen. Doch ein bisschen hängt das Herz des Weltmeisters doch noch an den Vierrädern. So absolvierte er sowohl eine Etappe der Großbritannien Rallye als auch einen Formel 1 Test für die ruhmreiche Scuderia Ferrari.
Dabei schien dieser von ihm so sehr angestrebte Formel 1 Test beinahe schon zu einer unendlichen Geschichte zu werden. Denn erst lehnte sein damaliger Motorradarbeitgeber Honda einen Test beim British American Racing Team, welches bekanntlich mit Aggregaten der Japaner unterwegs ist, ab und erwiesen sich danach mehrere Meldungen über einen Test für Toyota als weiß-rote Presse-Enten.
Aber selbst wenn die F1Welt Rossi mittelfristig reizen könnte, um nach einem möglichen Titelgewinn mit Yamaha eine weitere neue Herausforderung darzustellen oder weil Valentino vielleicht dem großen John Surtees, dem bislang einzigen Weltmeister auf zwei und vier Rädern, nacheifern möchte, so hat er vorerst noch genügend Arbeit und Spaß in der MotoGP-Welt.
Denn Rossi liebt das was er macht und sieht sich nicht unbedingt als einen besonders wichtigen Superstar an. Stattdessen sagt er: „Ich bin nur ein Fan auf einem Motorrad.“ Mehr nicht. Aber immerhin ein verdammt schneller Fan.
Seine teils ausufernden Jubelarien nach einem Grand Prix Sieg begründet Rossi in seinem lustigen Naturell sowie einer alten Idee mit seinen Jugendfreunden: „Als ich damit anfing zu gewinnen beschlossen meine Freunde und ich, dass wir etwas Besonderes machen sollten das viel Spaß macht. Wir wollten einfach etwas Neues machen um allen die Emotionen ein Rennen zu gewinnen zu zeigen.“
Und dies gelingt Valentino für wahr immer wieder auf’s Neue. Eine Tatsache, welche ihm den Weg in die Formel 1 einerseits erleichtern, schließlich sucht man dort händeringend nach echten Persönlichkeiten und Charakterköpfen, andererseits aber auch erschweren könnte. Denn der allmächtige Bernie Ecclestone, der Rossi schon vor Jahren in seinen F1-Zirkus hinein wünschte, sagte zuletzt: „Ich weiß nicht, ob die Leute bei uns wirklich diese leicht verrückten Dinge erwarten, die ein Rossi tut. Man darf nicht vergessen, unter welchem Druck ein moderner Formel 1-Pilot steht. Sie müssen ernsthaft sein und ernsthaft wirken, da sind ganz andere Sachzwänge vorhanden als bei den Bikes.“
Da könnte Bernie Recht behalten, denn für Rossi dreht sich die Welt nicht nur um „neue Märkte“, „PR-Termine“ und „Geld“. Für ihn sind auch seine Freunde sehr wichtig. Ganz und gar nicht interessiert ist er hingegen am großen Medien- und Fanrummel in seiner Heimat, welche er zu Gunsten eines etwas unerkannteren Lebens in London verlassen hat.
„Wenn ich kein Rennfahrer wäre, würde ich ein normales Leben führen“, sagt der Mensch Valentino Rossi. „Ich würde Spaß haben und Zeit mit meinen Freunden verbringen. Ich würde auch Sport treiben. Fußball spielen oder Motocross fahren – einfach alles mit Rädern!“
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Rossi Mania in Vollendung
Mit fast 25 Jahren ist Valentino Rossi in Italien und in aller Welt bereits zum Mythos geworden. Und dies nicht nur, weil er über die Hälfte seiner MotoGP-Rennen gewonnen hat.
Valentino Rossi hebt sich nicht nur durch seine außergewöhnlichen Erfolge von seinen Mitstreitern ab. Er ist auch ein herausragendes Phänomen, und seine Beliebtheit basiert nicht nur auf seinen berauschenden Rennerfolgen. Die „Rossimania“, deren sonderbarste Auswüchse bei Valentinos Heim-GP in Mugello genüsslich beobachtet werden können, ist zu einer konstant wachsenden globalen Bewegung geworden.
Kein Motorradfahrer hat jemals Rossis Bekanntheitsgrad erreicht, keiner wird so inbrünstig verehrt und das ganze Jahr hindurch so hartnäckig von seinen leidenschaftlichen Anhängern verfolgt wie Rossi. Wie eine Lawine bricht die Bewunderung über Rossi zusammen. Die ausufernde weltweite TV-Berichterstattung hat aus Rossi einen Popstar gemacht. Sein gefälliges Aussehen und seine Fähigkeit, auf der Rennstrecke das Unmögliche möglich zumachen, zieht die Massen in den Bann des Yamaha Stars. Nirgends wird die Rossimania so offenkundig wie beim Mugello-GP in den Hügeln der Toskana.
Es gibt einen einfachen Test für die Beliebtheit eines Rennfahrers an der Rennstrecke. Zählen Sie einfach Fans, die nach dem Training auf der Rückseite der Box auf die Fahrer warten. Dort stehen sie, und träumen von einem Autogramm, wollen einen Blick auf den Superstar erhaschen oder kurz seine Ledermontur berühren. Manche strecken dem Star die Hand entgegen, andere begnügen sich hingegen mit einem persönlichen Schnappschuss fürs Familienalbum. Auf diesem Gebiet spielt Rossi in einer anderen Liga als anderen Rennfahrer.
Enge Freunde der Familie, völlig Fremde, alles Mitglieder des Official-Valentino-Rossi-Fan-Clubs aus ganz Europa und teilweise sogar Übersee versammeln sich in einer Form gemeinsamer Erwartung und Verherrlichung auf den Rennstrecken in aller Welt. Aus der Enge und Verschlossenheit von Tavullia ist Rossi längst in die Großstadt London geflüchtet. In London genießt Valentino nicht den selben Heldenstatus wie im Motorsport verrückten Italien. Aber der Yamaha-Star ist froh, dass ein Fanclub immer noch von Reno Salucci geleitet wird, dem Vater seines besten Freundes Uccio. Vier Mitarbeiter sind vollamtlich im Club-Sekretariat beschäftigt. Das Büro befindet sich selbstverständlich in Tavullia.
Der Club wurde gegründet, als Valentino 1996 in Brünn seinen ersten 125er-GP gewann. Damals waren es nur 9 Leute, Vales Freunde aus der Bar in Tavullia. Jetzt sind es mehr als 6.000 Mitglieder. Der Fan-Club beantwortet jeden Brief, jede Person erhält ein Paket mit Informationen, sogar wenn es nicht Mitglied ist. Egal ob das Clubmitglied aus Italien, Deutschland, Australien oder Japan kommt, alle bekommen ein Willkommenspaket mit einer kleinen Tasche, mit einer Kappe, einem T-Shirt, einer Mitgliedskarte, einem Poster und ein paar Aufklebern. Sie müssen erst bezahlen wenn sie diese Artikel erhalten haben. Das ganze Geld, das am Jahresende übrig bleibt geben sie für wohltätige Zwecke weiter. Zuletzt haben sie Kriegsopfer unterstützt. Im Fanclub treffen sich alle Altersgruppen, vom dreijährigen Fan bis zur 90 jährigen Urgrossmutter.
Ein schräger Typ trickst alle aus 31. Oktober 2004
„Entweder ende ich als Held oder im Dreck", gab der dürre, milchgesichtige Junge mit den wuscheligen Haaren einst bekannt, und anfangs waren die italienischen Journalisten noch amüsiert. Denn daß sich ein 17jähriger Debütant nach jedem seiner Rennen ins Medienzentrum der Motorrad-Weltmeisterschaft mogelte, um die Presse mit Informationen zu füttern, das hatte es zuvor noch nie gegeben. Doch als der kecke Junge aus der Provinz nicht aufhören wollte zu quatschen, reichte es den Journalisten: Sie riefen die Sicherheitsleute und ließen den nervigen Nachwuchspiloten entfernen. Das war 1996.
Acht Jahre später ist der noch immer dürre, aber nicht mehr ganz so milchgesichtige junge Mann mit dem Wuschelkopf ein begehrter Gesprächspartner. Und Valentino Rossi teilt großzügig aus. Gefragt, was Honda tun müsse, um wieder Weltmeister der MotoGP-Klasse zu werden, antwortet er: "Ganz einfach: mich zurückholen." Wenige Stunden zuvor hatte sich der 25jährige Italiener selbst ein Denkmal gesetzt. Beim Großen Preis von Australien hat er seinen einzigen übriggebliebenen Konkurrenten, den Spanier Sete Gibernau, in der Schlußrunde ausgetrickst und damit seinen sechsten Weltmeistertitel eingefahren - auf einem Motorrad, das 2003 von 16 Rennen nicht ein einziges gewonnen hatte. An diesem Wochenende gab Rossi beim Großen Preis von Spanien, dem letzten WM-Lauf der Saison, eine Zugabe - auch dort gewann er.
„Ein bißchen verrückt"
Selbst einige seiner Freunde hatten ungläubig den Kopf geschüttelt, als Rossi vor einem Jahr bekanntgab, nach drei Weltmeistertiteln mit Honda auf Yamaha umzusteigen. Denn das war ungefähr so, als würde Michael Schumacher freiwillig von Ferrari zu Jaguar gehen. Seit mehr als einem Jahrzehnt waren die Yamahas zuverlässig der Konkurrenz hinterhergefahren; selbst gestandene Weltmeister wie die Italiener Max Biaggi oder Loris Capirossi sahen sich von diesen unmöglichen Motorrädern überfordert. Und so setzte allgemeines Kopfnicken ein, als Rossi verlauten ließ: "Vielleicht wirkt meine Entscheidung ein bißchen verrückt."
Tatsächlich aber paßte sie exakt zu ihm, der gezielten Tabubruch zu seinem Markenzeichen gemacht hat. Kaum hatte er den Vertrag mit dem neuen Hauptsponsor Gauloises unterschrieben, testete er Schumachers Marlboro-roten Ferrari. Auf der Ehrenrunde verkleidet er sich schon mal als Sträfling, nimmt eine Sexpuppe auf den Sozius oder sucht zur Gaudi der Fans ein Toilettenhäuschen auf. PR-Termine seiner Geldgeber pflegt Rossi regelmäßig zu schwänzen, dafür warb er nach einem seiner wichtigsten Siege für einen ominösen Hähnchenbrater namens Polleria Osvaldo. Später stellte sich heraus: Den Schnellimbiß gab es gar nicht. Rossi hatte ihn erfunden.
"Er ist ein unreifes Kind"
In seinem Anarchismus macht Rossi auch vor sich selbst nicht halt. Den Spitznamen "IlDottore" verlieh er sich, nachdem er das örtliche Telefonbuch durchgeblättert und entdeckt hatte, daß fast alle Rossis aus Tavullia einen Doktortitel trugen. Auf dem Bauch hat der Superstar eine Schnecke mit seiner Startnummer 46 eintätowiert. Dabei ist er alles andere als ein Kriecher.
Sein Landsmann Max Biaggi, noch immer ohne Titel in der Königsklasse, haßt Rossis unerträgliche Leichtigkeit des Seins. "Er ist ein unreifes Kind", sagt der 33jährige Biaggi über seinen Erzrivalen. Biaggi hat es offenbar nicht begriffen - im Gegensatz zu den Oberen der Rennserie. Die überlegten einst, Rossi für sein Verhalten zu sanktionieren, sorgen heute aber dafür, daß die Kameras genau da postiert sind, wo der Fanklub des Champions steht. Seinen Anhängern zahlt Rossi übrigens die Hälfte ihrer Reisekosten. So wirken die Jubelbilder besser.
Geschätztes Einkommen: 23 Millionen Euro
Hinter der Fassade des Clowns verbirgt sich nicht nur ein äußerst ehrgeiziger und aufs Siegen fokussierter Rennfahrer, den sein Cheftechniker Jeremy Burgess als "harten Arbeiter" charakterisiert. Nein, der "Midas des Motorradsports" (La Repubblica) ist auch Geschäftsmann. In der weltweiten Geldrangliste der Sportstars, aufgestellt vom Forbes-Magazin, liegt Valentino Rossi auf Platz sechs - vor David Beckham, Andre Agassi und Kobe Bryant. Geschätztes Einkommen: 23 Millionen Euro. Daß ein Zigarettenhersteller den Großteil zahlt, obwohl Rossi früher Stein und Bein schwor, niemals Tabakwerbung zu machen, übersehen die Fans gerne.
Schließlich verzaubert er sie nicht nur mit seinen atemraubenden Schräglagen. Dieser schräge Typ ist das Idealbild jedes echten Bikers: der Rebell, der einfach drauflosfährt. Vielleicht ist Valentino Rossis Verhalten Kalkül, aber wissen will das niemand. Valentino sei der größte Motorrad-Rennfahrer aller Zeiten, sagen Wayne Rainey und Michael Doohan, Abonnement-Weltmeister längst vergangener Tage.
Valentino Rossi selbst sucht schon nach neuen Herausforderungen. Im Jahr 2006 könnte sein Sohn in die Formel 1 wechseln, hat Vater Graziano angekündigt - und durchblicken lassen, daß für den Filius kein geringerer Rennstall als Ferrari in Frage käme. Möglicherweise wechselt Rossi aber auch auf ein anderes feuerrotes Spielmobil aus Italien: Ducati, das nach Yamahas Wiederaufstieg die Rolle des Verliererteams übernommen hat, macht ihm eindeutige Avancen. Ganz egal, wie die Zukunft aussehen mag: Der dürre, milchgesichtige Junge mit dem Wuschelkopf hat nicht zuviel versprochen.
Valentino Rossi - Sonnyboy mit Zukunftssorgen Claus Hecking, Frankfurt
Weltmeister Valentino Rossi, Held des Motorradsports, muss erstmals ernste Konkurrenz befürchten. Die kommt ausgerechnet von seinem alten Rennstall.
Die "Veenslang" (Moorschlange) im niederländischen Assen ist für Motorrad-Rennfahrer so etwas wie eine Mutprobe: Mit fast 300 Stundenkilometern müssen sie da in eine überhöhte S-Kurve einbiegen - und dabei maximales Tempo für die nächste Gerade mitnehmen. "Wer hier zu früh bremst, verliert viel Zeit", sagte der deutsche Profi Ralf Waldmann einmal. Aber: "Wer zu spät bremst, verliert seine Gesundheit."
Dieses Schicksal schien Valentino Rossi kürzlich bevorzustehen. Der Superstar der Motorrad-WM verpasste den Bremspunkt, seine Yamaha kam bei Tempo 290 ins Schlingern und brach hinten aus. Die Zuschauer schrien auf. Doch mit einer ruckartigen Körperbewegung gelang es Rossi, die Maschine zu stabilisieren. Eine Runde später wiederholte sich diese Szene; fortan fuhr der Italiener stets dieselbe, riskante Linie: Er hatte entdeckt, dass ihm das späte Bremsen ein paar Hundertstel Zeitgewinn brachte.
Dieser Herr Rossi muss das Glück nicht suchen. Es scheint ihm hinterherzulaufen. Ebenso wie kichernde Mädchen, Autogrammjäger und Journalisten, die den 26-Jährigen auf Schritt und Tritt verfolgen. "Ich betrachte mich als Künstler", hat Rossi einmal diesen Popstar-Rummel kommentiert. Widersprochen hat niemand. Schließlich hat der "Mozart des Motorradsports"(die französische Zeitung "L´Humanité") in neun Jahren nicht nur sechs Weltmeistertitel und 68 Grand-Prix-Rennen gewonnen - sondern auch die Herzen von Millionen Zuschauern. Selbst beim Saisonauftakt im spanischen Jerez am kommenden Sonntag werden Zehntausende Fans dem Italiener zujubeln - und nicht ihrem Landsmann Sete Gibernau, Rossis ärgstem Rivalen.
Tabubrecher
Rossis Beliebtheit ist vielleicht so zu erklären: Er siegt nicht nur in Serie, sondern bricht auch Tabus. Kaum hatte er im vergangenen Frühjahr den Vertrag mit seinem neuen Hauptsponsor Gauloises unterschrieben, testete er Michael Schumachers Marlboro-roten Ferrari. Auf Rossis Lederkombi lässt er in Abkürzungen (die er gern erklärt), nun ja, das weibliche Geschlechtsteil hochleben. Warum auch immer. Auch seine Ehrenrunden haben es in sich: Mal verkleidet sich Rossi als Sträfling, mal nimmt er eine Sexpuppe auf den Sozius, mal kurvt er zur Gaudi der Fans zum Toilettenhäuschen. Auf seinem Bauch ist eine Schnecke mit seiner Startnummer 46 tätowiert - dabei ist er alles andere als ein Kriecher: PR-Termine seiner Geldgeber schwänzt Rossi trotz seines auf 23 Mio. $ geschätzten Jahresgehalts gern. Dafür warb er nach einem seiner wichtigsten Siege für einen Hähnchenbrater namens Polleria Osvaldo. Später stellte sich heraus: Den Schnellimbiss gab es nicht. Rossi hatte ihn erfunden.
"Vielleicht wirken meine Entscheidungen manchmal ein bisschen verrückt" sagt Rossi. Manchmal. Ein bisschen. Im Winter 2003 schüttelten selbst enge Freunde den Kopf, als Rossi angekündigte, nach drei Weltmeistertiteln mit Honda auf Yamaha umzusteigen. Das ist ungefähr so, als als würde Michael Schumacher freiwillig zu Minardi wechseln. Ein Jahrzehnt lang war Yamaha der Konkurrenz
hinterhergetuckert; der damalige Werkspilot Carlos Checa gelobte gar: "Ich werde jedem den Hintern küssen, der auf diesem Motorrad gewinnt."
Überflieger
Nun muss Checa wohl auf die Knie. Denn Rossi kam, fuhr und siegte. Am Ende der Saison 2004 hatte er alle gedemütigt: Seine Vorgänger bei Yamaha, seine Nachfolger bei Honda - und vor allem seinen ehemaligen Arbeitgeber, der immerhin größte Zweiradhersteller der Welt. Als Rossi gefragt wurde, was Honda tun müsse, um wieder Weltmeister zu werden, antwortete er grinsend: "Ganz einfach: Mich zurückholen."
Honda wählte eine andere Strategie: Rund 40 Mio. $ sollen die Japaner in die Weiterentwicklung des Motorrads investiert haben. Jetzt scheint die mehr als 250 PS starke Honda RC211V bestens gerüstet: Bei Frühjahrstests in Barcelona hängte Gibernaus Honda die Rossi-Yamaha um fast zehn Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit ab. "So macht das Fahren keine Freude", ließ Rossi daraufhin vermelden. Ihm schwant: "Dies wird mein schwierigstes Jahr."
Doch den Überflieger stacheln Probleme oft nur zu neuen Höchstleistungen an. So wie 2003, als er bei einem Rennen zehn Sekunden Zeitstrafe aufgebrummt bekam, trotzdem gewann und danach bekannte: "Das ist das erste Mal, dass ich wirklich von Anfang bis Ende voll gefahren bin." Sollte er in dieser Saison seinen Weltmeistertitel erringen, so wartet womöglich eine ganz neue Herausforderung auf ihn: 2006 könnte er in die Formel 1 wechseln, teilte Rossis Vater Graziano nun mit. Einen Rennstall haben sich die Rossis auch schon ausgeguckt: Ferrari. 05.04.2005
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Aufmüpfiger Goldjunge
Rossi auf seiner blauen Yamaha: Der Feind ist sein Antrieb, sein Motor.
Er kommt ständig zu spät, verärgert Sponsoren und versetzt Freunde, die für ihn um die halbe Welt reisen. Zuverlässig ist Valentino Rossi, 25, nur an einem Ort: Auf seinem Motorrad. Schon vor dem letzten Rennen in der 500er-Klasse hat er den Weltmeistertitel gewonnen – seinen sechsten.
Valentino Rossi war den anderen immer voraus. Schon als Kind flitzte er im Gokart an der Spitze davon. Heute, mit 25 Jahren, ist er ein Rennen vor Abschluss der Saison zum sechsten Mal Motorrad-Weltmeister, ist in der 125er- und 500er-Klasse der jüngste Sieger aller Zeiten – und ist er der Einzige überhaupt, der in vier verschiedenen Klassen Weltmeister wurde. Ein Phänomen.
Doch Rossi ist mit dem siebenfachen F-1-Weltmeister nur statistisch zu vergleichen. Während der deutsche Seriensieger auch die langweiligen Rennen liebt, solange er sie gewinnt, muss Valentino Rossi etwas ändern, wenn er sich beim Siegen zu langweilen beginnt. Er muss sich selber neu herausfordern. So wie am Ende der letzten Saison, als er mit fünf Weltmeistertiteln in der Tasche seinem Profileben eine unerwartete Wendung gab: Er stieg von seinem Thron – von seiner Honda, von der er geträumt hatte, seit er sechs Jahre alt war. Und wechselte zur japanischen Konkurrentin Yamaha, die seit 1992 keine Weltmeisterschaft mehr gewonnen hatte.
Bei Honda gab man Valentino Rossi bei seinen Besuchen in Tokio nie das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Die Honda-Leute glaubten zuerst an die Stärke ihres Motorrads, dann erst an die des Fahrers, was Rossi kränkte. Er fühlte sich ungeliebt, auch mochte er diese «Honda-Japaner» nie. Von denen bekomme er «giapponsite», die «Japanitis», sagte er.
Bei Yamaha fand er die Familie, die er braucht. Rossi akzeptierte es, am Anfang der Saison nicht Titelfavorit zu sein, weil das Motorrad nicht zu den besten gehört. Es war sein neuer Reiz, es als Aussenseiter allen zu zeigen – vor allem Honda. Der Wechsel zahlte sich finanziell aus: Zehn Millionen Euro verdient Rossi bei Yamaha plus eine Viertelmillion pro gewonnenes Rennen und eine Million für den Gewinn der Weltmeisterschaft. Dass sich der Wechsel auch sportlich auszahlte, zeigte sich schon beim ersten Rennen im April: Rossi gewann. «Jetzt habe ich bewiesen, dass nur der Fahrer den Unterschied macht», kommentierte er den Sieg stolz.
Er könnte noch mehr verdienen
Samt Werbeverträgen kommt Rossi jährlich auf geschätzte 22,8 Millionen Euro. Das ist mehr, als Andre Agassi oder David Beckham verdienen, aber bedeutend weniger als Tiger Woods und Michael Schumacher mit ihren über 60 Millionen im Jahr. Rossi sei unter Wert verkauft, behaupten darum Marketingexperten. Die Werbebotschaften – von Telecom Italia, Nastro- Azzurro-Bier, Dainese, Kerakoll, AVG – reichen doch, meint dagegen Rossis Manager Gibo Badioli. Bei Rossis Agentur Great White London in London würden täglich neue Werbeangebote ins Haus flattern. «Ich sage inzwischen nicht einmal mehr ab», sagt Badioli, «ich antworte einfach nicht mehr und basta.»
Valentino Rossi ist ein moderner junger Mann. In seiner Freizeit fährt er gern Ski. Auf den Reisen fliegt er kurze Strecken im Privatflugzeug, lange Strecken mit British Airways. Er leistet sich einen BMW M3 und zwei Porsche. Am liebsten investiert er sein Geld in Immobilien. So besitzt er eine Wohnung in London – 150 Quadratmeter am Piccadilly Circus, steuergünstig. Er hat zudem ein Haus auf Ibiza, wo er regelmässig in die Disco geht und zur Musik von House-Guru DJ Ralf tanzt. Er gibt je zehn Prozent seines Einkommens an Mutter und Vater ab.
Mutter Stefania ist noch immer sein Lebensmittelpunkt, seine Beraterin, seine Freundin. Bei ihr wohnt er bei seinen Besuchen im kleinen Tavullia, seinem Geburtsort. Dort tollt dann auch Luca herum, Valentinos sechsjähriger Halbbruder aus der zweiten Ehe der Mutter. Auch er fahre schon gut Motorrad, meint sie. «Ich wünsche mir aber weiss Gott nicht noch einen Profifahrer zum Sohn.»
Vor wenigen Tagen kam sie aus Australien zurück. «Ich wollte nah bei Valentino sein», sagt sie. Auch wenn sie sich das Rennen dann nur im Fernsehen ansah, weil sie es noch immer nicht schafft, dem Sohn auf der Piste zuzusehen, wenn er mit 300 Stundenkilometern über den Asphalt rast. «Es wäre banal zu sagen, dass ich keine Angst habe», sagt sie, «aber ich weiss, dass Valentino vorsichtig ist, dass er keine Dummheiten macht.» Er sei in den Jahren im Motozirkus reifer geworden.
Schwieriger ist das Verhältnis zum Vater, der die Familie verliess. Graziano Rossi, ein ehemaliger Lehrer, war früher ein Vorbild für seinen Sohn, weil er selber Rennen fuhr. In Tavullia hatten sie ihre Übungspiste. Der Vater brachte Valentino die ersten Tricks auf dem Motorrad bei. Heute hört sich der Sohn Grazianos Ratschläge an – und macht dann das Gegenteil. Vater Rossi ist ein Exzentriker: Vor Jahren führte er an Rennen stets eine Henne am Halsband spazieren. Die aussereuropäischen Rennen meidet er, zu Valentinos Rennen in Europa fährt er in seinem BMW, wo er auch übernachtet. «Er ist geizig », sagt ein Bekannter der Familie, «wie Valentino auch.»
Immer mit dem Clan unterwegs
Valentino Rossi versteht sich als Weltbürger. In seinem Herzen aber ist er der Junge aus Tavullia geblieben. Auch die Freunde sind noch von damals. Eine ganze Clique begleitet ihn zu den Rennen. So Rossis bester Freund Uccio, der den Camper fährt, in dem sie alle leben; sein Vater fungierte nach der Scheidung von Rossis Eltern als Ersatzvater, heute betreut er den Fanklub. Manager Gibo Badioli verkaufte früher in Tavullia Möbel . «Sie sind ein richtiger Clan, an den nur wenige herankommen », sagt Paolo Ianieri, Journalist bei der «Gazzetta dello Sport».
Ausser der Mutter spielen Frauen im Leben von Valentino Rossi eine untergeordnete Rolle. Nach wenigen kurzen Liebesgeschichten – darunter eine mit der Nachwuchsschauspielerin Martina Stella – ist der 25-Jährige zum Schluss gekommen, dass Frauen das Leben nur komplizieren. «Sie sind eine Ablenkung, die es besser nicht geben würde», sagt er, wohlwissend, dass er die Herzen vieler Frauen zum Schmelzen bringt. «Ich bin halt schüchtern und schäme mich schnell», sagt er selber. «Valentino ist schüchtern und gleichzeitig durchgeknallt», korrigiert Enrico Borghi, ein Freund. Es gebe manchmal Monate ohne Kontakt. «Dann ruft er plötzlich aus Sydney an, wenn er sich allein fühlt, und sagt: Hey, komm doch runter, dann ziehen wir um die Häuser.» Aber dann, angekommen in Sydney, nur das ausgeschaltete Handy. «Bei Valentino muss man auf alles gefasst sein», sagt Borghi.
«Ja, ja», lacht Rossi. «Ich bin ziemlich unzuverlässig, dafür ehrlich.» Seine Launenhaftigkeit bekommen auch Sponsoren zu spüren. Zur Premiere eines Werbespots für die italienische Telekom – die ihm jährlich 1,5 Millionen Euro zahlt – erschien er nicht. Für seine Freunde schleppte er auch schon Bierkisten der Konkurrenz an und gestand öffentlich und zum Ärger von Sponsor Nastro Azzurro: «Von Bier kriege ich Kopfweh.»
Valentino Rossi, ein Mann voller Widersprüche: Er schläft viel und kommt immer zu spät – und ist an den Rennen doch stets der Erste. Vor Jahren schwor er, nie für Zigaretten Werbung zu machen – heute zahlt Gauloises den Grossteil seines 10-Millionen-Honorars bei Yamaha. Er ist stets von Menschen umringt und doch oft allein. Der Rückzug in die kleine Welt von Tavullia ist für ihn wichtig, weil ihm der Rummel oft zu viel wird. «Die Menschen fassen mich an, zerren an mir, benehmen sich, als würden sie mich seit zehn Jahren kennen», jammert er. Am liebsten ist er allein mit seinem Motorrad. «Er spricht mit ihm und streichelt es wie ein Pferd», sagt Paolo Ianieri. Rossis Gefühl für die Maschine ist einmalig, seine Psyche noch besser. Er gewinne die Rennen im Kopf, heisst es. Wie kein anderer könne er die Konzentration über ein ganzes Rennen aufrechterhalten. Nie wird er hektisch. «Mein Geheimnis ist, dass ich mich auf dem Motorrad ganz langsam bewege», sagt er – auch wenn er mit 300 Stundenkilometern durch die Kurven jage. Auf der Piste sucht er immer nach einem Feind, jemanden, auf den er sich fokussieren kann. Der Feind ist sein Antrieb, sein Motor. Lange hiess dieser Gegenpol Max Biaggi. Beim Rennen in Barcelona vor zwei Jahren schlugen die beiden Piloten ohne besonderen Grund aufeinander ein. Seitdem wechseln sie kein Wort mehr miteinander. Einmal noch gaben sie sich die Hand, das wurde in den Medien als Versöhnung gefeiert.
Rossis aktueller Feind heisst Sete Gibernau. Der spanische Honda-Pilot provozierte Rossi, indem er ihn bei der Rennleitung in Doha anschwärzte. Gibernau beobachtete Rossis Mechaniker, wie sie die neue Startpiste in Katar heimlich «polierten», indem sie einen Motorroller auf dem Startplatz durchdrehen liessen. Der Gummiabrieb sollte auf der nagelneuen Piste besseren Grip und so ein paar Sekundenbruchteile Zeitgewinn beim Start ermöglichen. Rossi wurde auf den vorletzten Startplatz strafversetzt und schied im Rennen später aus.
Bald in der Formel 1?
So etwas lässt der Italiener nicht auf sich sitzen. Beim folgenden Rennen in Malaysia zog er sich nach dem Sieg ein T-Shirt mit dem Aufdruck «Das schnelle Putzduo» an, liess sich einen Besen bringen und begann die Piste zu schrubben. In Australien ging die Demontage seines neuen Feindes weiter. Beim zweitletzten Rennen der Saison genügte Rossi schon der zweite Platz für den Titelgewinn. Doch in der letzten Runde überholte er den führenden Gibernau und gewann das Rennen.
Doch solche Feindschaften sind Nebengeräusche; sie gehören in die Kategorien Selbstmotivation und Unterhaltung für die Zuschauer. Rossi weiss längst, dass er allen überlegen ist. Also wird er sich wohl bald wieder eine neue Herausforderung suchen. Im April in Fiorano versuchte er sich als Testfahrer in der Formel1 und war im Ferrari von der ersten Runde an sehr schnell. Nicht nur sein Vater drängt ihn zu einem Wechsel. «2006 ist der richtige Zeitpunkt, danach könnte es für ihn schon zu spät sein», sagt Graziano Rossi. Möglich, dass der Sohn den Ratschlag des Vaters für einmal nicht ins Gegenteil verkehrt. Zumindest winkt er bei der Frage nach einer Zukunft in der Formel 1 nicht ab: «Dazu möchte ich im Moment nichts sagen.»
Tavullias Sohn und Sieger Valentino Rossi - Der ewige Sieger
Valentino Rossi, Macho und Motorrad-Genie, führt das waghalsige Leben, von dem Italiens Provinz immer träumte – inzwischen kennt er den Preis dafür.
von Birgit Schönau Erschienen in der Süddeutschen Zeitung - 6.6.03
Lungotevere, ein kleiner Mond, die Luft ist lau und die Straße bietet sich an. Links fließt träge der Tiber, dahinter glitzert die Engelsburg, rechterhand laufen die Nachtschwärmer zur Piazza Navona. Was soll denn das Ding noch im Vergaser, hat der Mechaniker gesagt, und es einfach rausgenommen. Keine Widerrede abgewartet, man will ja auch nicht das einzige unfrisierte Mofa in ganz Rom haben. Wrrumm, was schafft es denn jetzt, das Free, 40, 50, 60, 70, siebzig! Nicht zu fassen! Die Engelsburg fliegt vorbei, der Friedensaltar des Augustus, der Justizpalast, wrrumm! Piazza del Popolo und ab in den Tunnel, einmal richtig durchkrachen.
Schon okay, ist nur ein mickriges Free, macht aber gar nichts. In solchen Nächten sind wir alle ein bisschen Valentino Rossi. Als Rossi einmal in der 125er Klasse in Mugello gewann, widmete er den Sieg den Carabinieri seines Heimatortes Tavullia. „Ich habe vier Crossräder“, sagte Rossi, „die sind ein bisschen frisiert. Eines hat mir deswegen der Gabba von den Carabinieri beschlagnahmt. Dann hat er mich mit dem nächsten angehalten, hat sich den Motor angeschaut und gesagt: in Ordnung. Dabei hatte ich das genauso behandelt. Du bist eben doch ein richtig blöder Carabiniere, hab‘ ich dem gesagt.“ In Tavullia konnten sie darüber nicht lachen. „Wenn wir den noch einmal erwischen“, schnaufte der Maresciallo, „gibt es kein Pardon!“
So steht es in der Biografie Rossifumi. Seither hat Rossi Weltmeistertitel in allen Klassen geholt: 125 ccm, 250 ccm, 500 ccm und MotoGP, startet am Sonntag in Mugello als Titelverteidiger und Führer der Gesamtwertung – und lebt in London, Saint James Street, weit weg von Tavullia und seiner strengen Polizei, von den Fans und dem italienischen Fiskus. Was nicht bedeutet, dass er seinem Dorf in den Marken am Ende einer kurvenreichen Straße in den Hügeln hoch über dem Meer wirklich entwachsen ist.
Start mit Stützrädern
Rossi ist der Junge aus der Provinz, der es in die große, weite Welt geschafft hat, aber auf die erstaunte Frage an sein eigenes Riesen-Ego: „Warum bin ich eigentlich Weltmeister geworden?“ ganz ernsthaft antwortet: „Weil der Uccio mich sonst verprügelt hätte.“ Der Uccio heißt eigentlich Alessio Salucci, er ist Rossis Freund seit Sandkastentagen. Man schwänzte gemeinsam die Schule, lieferte sich Rennen haarscharf am Rand des Abwasserkanals und versuchte mit nicht sehr großem Erfolg, in der Disko die Mädchen aufzureißen.
Inzwischen ist Rossi die Kultfigur seiner Generation. Für das Rennen in Mugello hat es wegen des Andrangs erstmals nicht geklappt, Busse wenigstens für die Fans aus den Marken zu organisieren – jeder muss für sich allein anreisen und sich irgendwie eine Eintrittskarte verschaffen, zum Preis zwischen 70 und 150 Euro. Max Biaggi, der Zweitplatzierte und ärgste Konkurrent Rossis, hat den Mitgliedern seines Fanklubs einen Rabatt von 30 Prozent versprochen. Biaggi ist ja auch nicht davor zurückgeschreckt, in Auditore einen Klub einzuweihen, eine Vereinigung eingefleischter Rossi-Hasser nur 20 Kilometer von Tavullia. Und Rossi hat dazu gesagt: „Ich bin Weltmeister, weil ich nicht aus Auditore komme.“ Biaggi und er können sich nicht leiden, dazu kommen wir später.
Valentino Rossi hat früh angefangen. Beim ersten WM-Titelgewinn war er 17, seither ist er um drei Zentimeter gewachsen. Er ist die Symbolfigur der Baby-Bikers, welche die Sehnsüchte ihrer eigenen, nie richtig erwachsen gewordenen Eltern realisieren sollten. Das sind Familienväter, die mit dem Volksbarden Lucio Battisti aufgewachsen sind und mit seiner Ballade Motocicletta, in der als ultimativer Liebesbeweis dem Mädchen ein Motorrad angeboten wird, um sie doch noch rumzukriegen.
Hinter Valentino steht Graziano, Jahrgang 1954, ausgebildeter Grundschullehrer, leidenschaftlicher Cross-Fahrer und leidlicher Rennfahrer mit drei GP-Siegen in der 250er Klasse. Von Graziano geht die Mär, er sei mal mit einem Huhn an der langen Leine durch Pesaro flaniert, und was diesen Hang zum fröhlichen Anarchismus angeht, mit dem sich so viele Italiener identifizieren möchten – den hat er an seinen Sohn ziemlich dominant weitervererbt. Graziano jedenfalls schenkte dem zweijährigen Valentino ein elektrisches Mofa mit Stützrädern, und damit ging es los. Mit zehn fuhr der Kleine Kartrennen, ein Jahr später war er schon Meister der Region Marken, mit 13 stieg er dann endgültig aufs Zweirad. 1996 unterzeichneten die Eltern Rossi für ihren Sohn den ersten Vertrag mit der italienischen Traditionsmarke Aprilia.
Die Tifosi sind hingerissen
Italien hat andere starke Motorradfahrer hervorgebracht, Carlo Ubbiali etwa, mit neun Weltmeistertiteln und allen voran den 15-maligen Weltmeister Giacomo Agostini. Durch Max Biaggi, der in der 250er Klasse vier Titel gewann, erfuhren die Rennen in den neunziger Jahren neuen Auftrieb, aber erst Rossi hat sie zum Massenerlebnis gemacht, zum populärsten Sport Italiens nach Fußball und Formel 1. Mugello wird am Sonntag ein TV-Großereignis werden – auf einem Fernsehkanal von Ministerpräsident Berlusconi.
Valentino Rossi ist das erste Medienphänomen einer Branche, in der bisher die wortkargen, harten Asphaltpiraten vom Schlage Biaggis dominierten. Dem Jungen aus Tavullia gelingen atemberaubende Aufholjagden, nur der Start bleibt sein Schwachpunkt, schließlich ist er passionierter Langschläfer. Bei den Siegesfeiern aber dreht Rossi als Valentinik, Rossifumi, Dottor Rossi richtig auf. In England ist er schon im Robin-Hood-Kostüm auf die Bühne gekommen, legendär wurden sein Auftritte als Supermann und die Triumphfahrt mit einer aufblasbaren Puppe. Einmal setzte sich ein als Huhn verkleideter Kumpel auf den Sozius, und Valentino Rossi trug unter seinem Rennanzug ein T-Shirt mit dem Aufdruck Pollo Osvald. Der mysteriöse Sponsor war ein Hähnchenbräter aus Tavullia, der Valentino Rossi in dessen kurzer Amateurzeit mit seinen Produkten versorgt hatte.
Die Tifosi waren hingerissen von diesen Einlagen. Endlich fuhr da einer von ihnen mit augenscheinlicher Leichtigkeit von Sieg zu Sieg, von einem Titel zum nächsten, kratzte sich aber vor dem Start abergläubisch an den Hoden und erklärte in schöner Offenheit, dass er beim Fußballspielen übrigens „eine Totalniete“ sei und es mit den Mädchen irgendwie auch nicht hinbekäme. „Frauen sind wie Journalisten: Wenn du gewinnst, kommen sie von allein“, hat Rossi, ganz Dorfmacho, auch schon mal getönt, dann aber zugegeben, dass er leider noch keine Freundin habe. „Jedenfalls, wenn ich eine Frau wäre, würde ich den ganzen Tag meinen eigenen Busen anfassen.“
Wrrumm! Intensiv pflegt Valentino seine Intimfeindschaft zu Max Biaggi, dem düsteren Kosaren aus Rom. Inzwischen fahren beide für Honda und mussten deshalb etwas runterschalten, aber hinter der coolen Fassade brodelt es weiter, so hingebungsvoll verabscheuen sie sich. In dieser Woche gab es für Italiens Motorsportler einen Empfang beim Staatspräsidenten. Rossi hatte Besseres vor. Biaggi ließ sich im Vorraum des Quirinalspalastes noch schnell eine Krawatte umbinden und kommentierte genüsslich: „Schlecht für Rossi, dass er nicht gekommen ist. Bei solchen Terminen darf man nicht fehlen.“ Biaggi hat es dem Rivalen nie verziehen, dass Rossi ihm beim ersten Überholmanöver in der 250er Klasse den Stinkefinger zeigte und bis heute verbreitet, er könne sich vorstellen, noch alles zu werden, „nur nicht wie Max Biaggi“. Verbal haben sich die beiden auf allen Ebenen beharkt und in Spanien kam es vor zwei Sommern auch mal zu einer handfesten Rauferei.
„Ein Schmerz, der nicht nachlassen will“
Valentinos Lieblingssänger heißt auch Rossi, Vasco Rossi, er ist der Barde der Baby-Bikers, und singt ihre Hymne Voglio una vita spericolata, ich will ein waghalsiges Leben. Inzwischen kennt der Weltmeister den Preis. Seine Manager haben um ihn schier undurchdringliche Mauern gezogen. „Man kann mit ihm nicht mehr reden“, klagen selbst die Funktionäre des Motorsportverbandes. Vor einem halben Jahr hatte Rossi eine Bombendrohung erhalten und stand zeitweise unter Polizeischutz. Da war die Leichtigkeit dahin, für alle sichtbar. Beim letzten Grand-Prix-Sieg war er so nervös, dass er eine Italien-Fahne, die die Fans ihm reichten, unwirsch zu Boden warf. „Hab‘ nicht richtig hingeschaut, hätte auch von der Schwulenbewegung kommen können“, wollte Rossi sich später rechtfertigen. Übler Ausrutscher. Entschuldigt hat er sich nicht.
Der Champion sei müde geworden, heißt es neuerdings. Er langweile sich auf der Piste, die Konkurrenten ödeten ihn an. Ein waghalsiges Leben wollte er, wie so viele Jungen auf dem Land, die den Tod in jeder Kurve herausfordern, weil das der einzige Kitzel in ihrem sonst so eintönigen Alltag ist. Und wie so viele hat Valentino Rossi, der Alleskönner, das millionenschwere Pistengenie, Freunde bei einer solchen Raserei verloren, gleich drei in einer Nacht. Es geschah auf der Straße von Pesaro nach Tavullia, und es ist, sagt Rossi, „ein Schmerz, der nicht nachlassen will. Jedesmal, wenn ich nach Hause fahre, muss ich am Unfallort vorbei. Jedesmal hoffe ich, dass da keine Blumen stehen, dass das alles nicht passiert ist“.
Aber es ist passiert. Am 6. April ereignete sich der letzte tödliche Unfall beim Moto-GP in Suzuka – der Japaner Daijro Kato raste mit über 200km/h in die Absperrmauer. Valentino Rossi denkt angeblich schon an seinen Rückzug. Er ist 24 Jahre alt.
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Mad Max kommt langsam ins Schleudern
Die Motorrad-WM in der Königsklasse floriert dank der Feindschaft ihrer italienischen Helden: Max Biaggi und Valentino Rossi
Berlin - Was der eine vom anderen hält, demonstrieren Max Biaggi und Valentino Rossi nach jedem Rennen. Dann bitten die italienischen Motorrad-Piloten ausgewählte Journalisten zur Privataudienz. Eine Hälfte nimmt bei Rossi Platz, die andere lauscht Biaggis Hass-Tiraden. "Valentino ist ein Aufschneider", knurrt Biaggi, 31. Nebenan feuert Rossi, 24, zurück: "Wenn Max ein Problem mit mir hat, können wir das gerne auf der Strecke regeln."
Zwischen den Fronten versucht Honda-Teammanager Carlo Fiorani, ein gemütlicher Italiener mit Bauchansatz, halbherzig zu schlichten: "Man darf das nicht alles so ernst nehmen." Allein: Der schlagzeilenträchtige Knatsch kommt der Branche wie gerufen. Mit Rossi und Biaggi hat die Szene ein schlagkräftiges Duo, das die Fangemeinde polarisiert und Medien-Aufmerksamkeit garantiert. In Italien stieg Motorrad zur populärsten Sportart nach Fußball und Formel 1 auf. Auch in Deutschland wächst das Interesse stetig. Erstmals berichtet RTL heute live von einem Grand Prix (in Jerez, ab 11 Uhr).
Auf dem gebürtigen Römer Biaggi lastet dann großer Druck. Noch nie konnte der viermalige Champion in der schwersten Klasse (500ccm oder auch: Moto-GP) reüssieren, den letzten Titel gewann er 1997. Seine Durststrecke bei Yamaha entschuldigte er mit schlechtem Material. "Rossis Honda ist einfach überirdisch."
Ein Eigentor, denn obwohl er in dieser Saison zum japanischen Branchen-Primus wechselte, kommt er ins Schleudern. Rossi, der jüngste Champion aller Klassen und Titelverteidiger, führt souverän die WM an. Biaggi liegt auf Rang drei. Der vorwitzige Teamkollege hängte den Oldie auch in Interviews locker ab. Rossi ätzte: "Er fährt doch nur Motorrad, damit er in der Jury der Miss-Italia-Wahl sitzen darf."
In Suzuka vor zwei Jahren kamen sich die Rivalen richtig in die Quere. Als Rossi in einer Linkskurve bei Tempo 180 überholen wollte, fuhr Biaggi den Ellbogen aus. Rossi drängelte sich nach einem waghalsigen Schlenker vorbei - und zeigte dem Hintermann den ausgestreckten Mittelfinger. Biaggi forderte eine Entschuldigung, Rossi drehte ab: "Wenn das Rennen abgewinkt wird, ist die Sache für mich erledigt. Wenn er die Sache aber am Kochen halten will, bitte schön. Wir sehen uns auf der Strecke wieder."
Ein Handschlag sollte die Fehde beenden, doch die Geste, bei der die Streithähne Augenkontakt vermieden, "war nur eine Pflichtübung für die Fans und Sponsoren", spottete Biaggi. "Es ändert nichts daran, dass wir wohl nie Freunde werden."
Die beiden trennen Welten. Biaggi ist eher verschlossen, wortkarg, ein Eigenbrötler. Rossi gehören mehr Sympathien, weil er das Herz auf der Zunge trägt - und Farbe bekennt. Während des Irak-Krieges heftete er sich eine Friedensfahne an die Lederkluft. Rossi, der aus einem Dorf in den Marken stammt, haut das Gros des 10-Millionen-Dollar-Gehalts in London am Zweitwohnsitz auf den Kopf: "Eine coole Stadt mit coolen Leuten."
Während Rossi auf Ehrenrunden übermütig auf den Sitz steigt und wegen seines Spitznamens "Dottore Rossi" zur Gaudi einen weißen Kittel überzieht, winkt Biaggi nur artig den Fans zu. Rossi kratzt sich gern ausgiebig vor dem Start in der Lendengegend, Biaggi sind Macho-Allüren fremd.
In der Liebe liegen beide gleichauf: Sie sind solo. Rossi schmückte sich einige Monate mit der Gelegenheitsschauspielerin Martina Stella, hielt aber mit seiner wahren Passion nicht hinterm Berg: lieber mit alten Freunden einen trinken gehen.
Im Debütjahr schon Vize-Weltmeister
In seinem ersten WM-Jahr in der 500er-Klasse, das war 2000, bewies der Italiener von Beginn an, dass er das Zeug zum absoluten Superstar hat. Auf Anhieb wurde er Vize-Weltmeister hinter Kenny Roberts jr. Der Umstieg auf die 500er Honda bereitete dem talentierten jungen Italiener kaum Probleme.
Seinen ersten Sieg in der Königsklasse schaffte Rossi im ersten Jahr nach nur neun Rennen in Donington. Aufs Podium war er zuvor schon mehrere Male geklettert. Nicht nur wegen seiner prächtigen Ergebnisse eroberte Rossi im Sturm die Herzen der GP-Fans. Sein beherzter Angriffsstil war es, der ihm viel Bewunderung einbrachte.
Als Sohn des dreifachen GP-Siegers Graziano Rossi ist Valentino mit dem Motorrad-Rennsport groß geworden. Schon als kleiner Junge war er in Besitz eines Mini-Motorbike. Rossi hat in der 125er- und 250er-Klasse jeweils den WM-Titel in der zweiten Saison gewonnen. Die Startnummer eins trug er dennoch nie. Zum einem wegen der direkten Aufstiege in die nächst höhere Klasse und zum anderen, weil er die Nummer 46 ohnehin nicht preisgeben will. Mit der gleichen Startnummer hat schon sein Vater Rennen bestritten.
Rossi ist mit einem beispiellosen Talent gesegnet. Seine Erfolge scheint er mit spielerischer Leichtigkeit zu erobern. Er scheut keine Risiken, so wie einst seine Vorgänger Kevin Schwantz, Barry Sheene oder Wayne Gardner.
Rossi ist ein Jahrhunderttalent. Einer von vielen Beweisen: Am Sachsenring 2000 fuhr der Italiener vom 16. Platz an die Spitze, obwohl Überholen auf der kurvenreichen Piste für andere Fahrer fast unmöglich ist. Und nicht nur dort begeisterte er die Fans. Mittlerweile ist "Il Dottore" Kult in sämtlichen Länder dieser Welt. Nach Siegen gehören seine Auslaufrunden zu den Höhepunkten der Rennen.
Auch hält der Fahrer aus Urbino einige bemerkenswerte Rekorde. In Donington 2002 bestritt Rossi sein 100. Rennen und feierte seinen 46. Sieg. 46 Prozent aller Rennen gewonnen, keiner kann mehr bieten.
2002 sicherte sich Rossi 355 Punkte innerhalb einer Saison, was ebenfalls Rekord war.
Überdies gewann er 2001 beim Saisonausklang in Brasilien das letzte 500er-Rennen der Geschichte.
Beim Saisonbeginn 2002 gewann er das erste MotoGP-Rennen (mit Viertakt-Maschinen bis 990 ccm) der Geschichte.
Nebenher ist er der letzte Weltmeister der Geschichte auf einer 500er-Zweitakter und der erste auf einer MotoGP-Viertakter.
2003 wiederholte er seinen Vorjahreserfolg. In Motegi (Japan) krönte Rossi sich zum 5. Mal in seiner Karriere zum Weltmeister. Zudem schraubte er seinen im Vorjahr aufgestellten Punkterekord auf 357 Zähler.
Ein Ende seiner Erfolge ist nicht abzusehen.
Oder doch? Rossi machte nämlich etwas ganz Verrücktes. Der Italiener wechselte 2004 trotz seiner großen Erfolge auf der Honda RC211V zu Yamaha. Finanziell hat sich der Wechsel gelohnt. Mit 15 Millionen Dollar wird Rossi der bestbezahlte GP-Pilot aller Zeiten sein. Ob auf der M1 sein Höhenflug aber andauern wird, ist fraglich. Oder vielleicht auch nicht, den der "Doktor" hat bisher immer noch sämtliche Gesetze außer Kraft gesetzt.
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Dreimal in Folge gewann der Italiener Valentino Rossi mit Honda die Weltmeisterschaft in der Königsklasse, dann wurde es ihm zu fad. Er wechselte zum unterlegenen Yamaha-Rennstall. Die Konkurrenten atmeten erleichtert auf - doch sie haben sich verschätzt.
Weltmeister Rossi: "Unbeschreiblich, ein großartiges Gefühl"
Im Alltag von professionellen Rennfahrern gibt es Regelverletzungen, die sind richtig gefährlich. Schlimmer, als eine rote Ampel zu missachten, auch übler, als auf der Autobahn rechts zu überholen. Als strikt verboten gilt es, den eigenen Sponsor zu verärgern, indem man für dessen Konkurrenz wirbt. Valentino Rossi, 25, liebt solche Gesetzesverstöße. Ende April setzte er sich in einen Formel-1-Ferrari. Auf der roten Kunststoffhaut des Wagens klebte der Marlboro-Schriftzug. Overall und Helm hatte sich der fünfmalige Motorradweltmeister von Michael Schumacher geliehen, auch darauf prangte reichlich Tabakreklame. Noch während Rossi auf dem Ferrari-Testareal in Fiorano seine Runden drehte, sickerte die Nachricht von seiner Vergnügungsfahrt durch. Am nächsten Tag verbreiteten die italienischen Zeitungen die Sensation samt Fotos - und hatten damit Rossi ein Problem eingebrockt. Eigentlich.
Jetzt sitzt er beim Motorrad-Grand-Prix von Le Mans in einem blauen Renntransporter, blau wie die Zigarettenmarke Gauloises, der Hauptsponsor des Yamaha-Teams und damit auch Rossis Geldgeber. Der französische Tabakkonzern hatte die eigenmächtige Aktion ausdrücklich gerügt, Rossi aber fläzt sich auf der Ledercouch der Besprechungskabine und kichert, als ginge ihn das nichts an. "Ein Genuss" sei die Probefahrt gewesen, schwärmt er mit krächziger Jungenstimme, "unbeschreiblich, ein großartiges Gefühl". Leider sei die Spritztour aufgeflogen, bedauert er pflichtschuldig. Rossi bemüht sich nicht einmal, sein Grinsen zu verbergen. Es war ein großer Spaß. Italiens Zweiradheld im Ferrari - steigt er etwa in die Formel 1 um? Was für eine Story hatte er den Gazetten da geliefert.
Valentino Rossi ist ein Meister der Selbstinszenierung. Ob er seine Ehrenrunde mit einer aufgeblasenen Puppe aus dem Sexshop als Sozia dreht oder sich auf das Hinterteil seiner Lederkluft den selbst verliehenen Spitznamen "The Doctor" in grellen Buchstaben nähen lässt: Der Schlaks mit dem Wuschelkopf, den buschigen Koteletten und dem fetten Ohrring bricht gezielt mit den Konventionen einer Branche, in der bislang jene Fahrer als Idealtyp galten, die den harten Vollgas-Biker geben, sonst aber das Publikum mit artigen Statements des Dankes für Team und Sponsoren ziemlich anöden. Auf dem oberen Rand seines Helmvisiers steht: "Stamm der Chihuahua". Ein Scherz, einfach so.
Rossi, Superstar beim Großen Preis von Deutschland am Wochenende auf dem Sachsenring, könnte der Anführer einer Mopedclique sein, der noch an der eigenen Coolness übt. Die Jeans schlackert um die schmalen Hüften, die klobige Sonnenbrille thront im dünnen Gesicht wie bei der frühen Audrey Hepburn. Er sieht an sich viel zu zerbrechlich aus, um eine Rennmaschine zu halten, deren 240 PS die Beschleunigungswerte einer abgefeuerten Kanonenkugel entwickeln.
Das Bild des Dauerpubertierenden kaschiert jedoch, dass er in Wahrheit ein penibler Profi ist, der bereits seine neunte WM-Saison bestreitet und fast jeden zweiten seiner bislang 131 Grand Prix gewonnen hat - eine Quote, an die nicht einmal Formel-1-Dominator Schumacher heranreicht. Nach den Titeln in den Klassen bis 125 ccm (1997) und 250 ccm (1999) wurde Rossi wiederum zwei Jahre später als 500ccm-Sieger der jüngste Weltmeister aller Klassen, 22 war er damals. Seitdem triumphierte er weitere zwei Mal in der höchsten Kategorie der Big Bikes.
Und weil sich mit den Erfolgen nicht nur die Fans zu langweilen begannen, sondern auch Rossi selbst, bereitete er vorigen Herbst seinen Abgang bei Honda vor. Geschickt zog er die Verhandlungen mit dem Hersteller über einen neuen Vertrag in die Länge, nörgelte fürs ganze Fahrerlager unüberhörbar über seinen Arbeitgeber. Honda habe nichts anderes gemacht, moserte er, "als meine Leistung kleinzureden".
Star Rossi: "Er lacht über Honda"
Traditionell sieht man beim japanischen Motorradgiganten die Fahrer als Angestellte, die auf der weltbesten Rennmaschine ihren Job zum Wohle des Unternehmens zu erledigen haben. "Wenn ich mal nicht gewonnen hatte", so klagt Rossi über mangelnde Nestwärme, "galt das als Katastrophe, und ich wurde als Versager abgestempelt." Andererseits stieß der Personenkult des Champions bei Honda zunehmend auf Missfallen. So hielt der Konzern ihm vor, dass er trotz des Anspruchs auf die Startnummer 1 an seiner angestammten 46 festhielt, mit der schon Rossis Vater im Grand-Prix-Gewerbe unterwegs war - und die der Sohn längst zu seinem Markenzeichen gemacht hat.
Yamaha, über Jahrzehnte Hondas größter Rivale auf der Rennstrecke, erkannte seine Chance. Seit 1992 hatte die Marke in der Königsklasse keinen WM-Titel mehr gewonnen, und niemand der vier Werkspiloten schien fähig, die Maschine mit den Ingenieuren zielgerichtet weiterzuentwickeln, und am Talent für schnelle Runden haperte es auch. Rossi zu verpflichten erschien Yamaha wie die Verheißung auf neue glorreiche Zeiten. Der Italiener unterschrieb einen Zweijahresvertrag.
Das war ungefähr so, als wäre Michael Schumacher freiwillig von Ferrari zu den Hinterherfahrern von McLaren-Mercedes gewechselt. Die Branche rätselte, warum sich Rossi das antue. Doch gleich beim Saisonauftakt im südafrikanischen Welkom triumphierte "Vale" auf der leistungsschwächeren Yamaha über das Rudel der sechs Honda-Werksfahrer. "Im Januar hatten sie sich noch darauf gefreut, mit meiner alten Maschine gewinnen zu können", giftete der Abtrünnige. "Und jetzt? Ist sie gestohlen worden?"
Seitdem verfolgt er seinen Plan, die Rivalen vorzuführen, mit verblüffender Konstanz. Er gewann vier der bislang sieben WM-Läufe; in Mugello zog er allen im Nieselregen davon, obwohl er mehrfach Furcht erregend über den Asphalt schlitterte. Im holländischen Assen folgte er Spitzenreiter Sete Gibernau dichtauf, studierte dessen Schwächen und bremste den Spanier in einer der letzten Kurven kurzerhand aus. "Rossi lacht über Honda", titelte das Fachblatt "Motorsport aktuell" angesichts des spielerisch scheinenden Manövers; für "magisch" hält Frankreichs Sportzeitung "L'Equipe" die Steuerkünste des Heroen.
Während Rossi nach solchen Szenen in der Auslaufrunde gern den so genannten Burn-out zelebriert und das Hinterrad unter dem Gejohle der Fans durchdrehen lässt, bis ihn dichter Qualm umhüllt, lächelt ein grauhaariger Herr an der Boxenmauer listig in sich hinein. Jeremy Burgess, 51, ist Rossis Chefmechaniker. Statt eines ölverschmierten Schraubenschlüssels hält Burgess ein Klemmbrett in der sauberen Hand und macht sich wie ein Wissenschaftler fleißig Notizen, wenn er sich ins Zwiegespräch mit dem Champion vertieft. Der Australier war lange eine Säule des Honda-Rennteams. Aber als Rossi ihn bat, zu Yamaha mitzukommen, schmiss Burgess seinen Job hin - nach 20 Jahren. Einige Mechaniker nahm er gleich mit.
Ohne Burgess und dessen eingespielte Crew hätte Rossi niemals so schnell mit der ungewohnten Maschine gewonnen. Burgess ist eine Art technischer Dolmetscher für den Fahrer. Rossi braucht nur zu schildern, wie sich das Motorrad beim Bremsen, Beschleunigen und in den Kurven verhält. Seine Begabung liegt darin, dass er sich schon nach wenigen Proberunden traut, ein detailliertes Urteil abzugeben. Burgess zieht daraus seine Schlüsse und lässt zum Beispiel Federung, Dämpfung oder Getriebeübersetzung einstellen: "Wenn Valentino sich nicht in jeder Situation auf der Maschine wohl fühlt, ist er verloren. Einfach nur mehr PS zu verlangen führt oft einen Schritt zurück."
Rossi-Rivale Gibernau: "Analytischer Kindskopf"
Gemeinsam haben sie aus der Yamaha, die ein bockiges Gerät mit brachial einsetzender Kraft war, ein berechenbar reagierendes Rennmotorrad gemacht. Bei den Tests vor der Saison probierten sie so ziemlich alle Varianten von Chassis und Motoren aus, die Yamahas Entwicklungsabteilung im vergangenen Jahr angefertigt hatte, und wählten systematisch aus, was zueinander passte und sie gebrauchen konnten; und was sie sich noch alles so wünschten, schrieb Burgess den japanischen Ingenieuren ins Lastenheft. Yamahas obersten Renntechnikchef Masao Furusawa überrascht bei Rossi vor allem, "wie analytisch dieser Kindskopf denkt".
Valentino Rossi weiß, so sieht es Mick Doohan, der fünfmalige Weltmeister und heutige Honda-Rennmanager, "dass er eine halbe Sekunde schneller fahren kann als die anderen auf dem gleichen Motorrad". Diese Gewissheit macht locker. Auf seinen Bauch hat sich Rossi ein kleines Tattoo einstechen lassen: eine Schnecke mit der 46 auf dem Haus. Rossis Hang zur Selbstironie spiegelt sich auch in seiner Sympathie für die Zeichentrickfigur des gutmütigen Homer Simpson wider, der nicht merkt, wie raffiniert sich sein Sohn Bart längst durchs Leben schlägt. Denn Rossi scheint es mit seinem Vater nicht anders zu gehen.
Graziano Rossi, 50, schaut wie ein Fremdling aus im Gästezelt des Yamaha-Teams, inmitten der glänzenden Tische und Stühle. Er trägt eine zu große blaue Hose, die von grauen, fleckigen Hosenträgern auf Hüfthöhe gehalten wird. Rossi senior war kein herausragender Rennfahrer, aber 1979, in Valentinos Geburtsjahr, gewann er immerhin drei Grand Prix. Jetzt pflegt er in einem Kombi zu den europäischen WM-Läufen zu fahren und auf dessen Ladefläche zu nächtigen. Ein Hotel? "Wozu?", fragt er. "So ist es doch praktisch. Ein Auto ist ein Bett, nur schneller und unabhängiger. Und im Fahrerlager kriege ich was zu essen, was zu trinken. Duschen kann ich hier auch." Für Graziano Rossi scheint die Zeit stehen geblieben zu sein seit seiner Rennfahrerkarriere, als jede Grand-Prix-Strecke einem Campingplatz glich und man sich notfalls beim Zeltnachbarn durchschnorrte.
Sieger Rossi: "So ganz kapier ich das auch nicht"
Valentino Rossi, der sich bisweilen selbst über den Vater wundert ("So ganz kapier ich das auch nicht"), hat sich hingegen mit den Annehmlichkeiten und Kniffen des Renngeschäfts bestens vertraut gemacht. Der Multimillionär wohnt auf Ibiza und in London, schwärmt von der Anonymität und der Clubszene der englischen Metropole - und genießt die niedrigen Steuersätze. Er hat eine eigene Managementfirma Great White London (GWL) gegründet, um jene Prozente einzusparen, die bei den großen Vermarktungsagenturen fällig wären. Als Geschäftsführer von GWL hat er Luigino "Gibo" Badioli eingesetzt, einen kleinen glupschäugigen Mann mit schlohweißem Schopf und Stoppelbart, der aus einem Nachbarstädtchen von Tavullia stammt, Rossis Heimatort nahe der Adria.
Früher war Gibo Badioli als Architekt tätig, jetzt wirkt er wie die Karikatur eines Managers. Er verzieht beim Reden keine Miene, sein Englisch ist sehr gebrochen, das Logo auf den Bügeln seiner Sonnenbrille hat er mit schwarzem Klebeband abgedeckt. Bald werde GWL einen neuen Werbevertrag für Rossi mit einem Brillenhersteller bekannt geben, so erklärt Badioli die Bastelarbeit, "deshalb soll es keine Fotos mehr von der alten Marke geben, wenn ich neben Valentino stehe".
Einst hatte Rossi getönt, er werde lieber zu Fuß gehen, als Motorräder zu fahren, auf denen für Zigaretten geworben wird. Doch inzwischen ist der strikte Nichtraucher so groß, dass er nicht allein die Regeln anderer bricht, sondern sich auch die eigenen Prinzipien zurechtbiegt. Es muss sich nur lohnen. Seinen Wechsel zu Yamaha und dessen Finanzier Gauloises hat er sich mit zehn Millionen Euro pro Jahr versüßen lassen - der höchsten Gage, die je einem Motorradrennfahrer angeboten wurde. DETLEF HACKE
Im Debütjahr schon Vize-Weltmeister
In seinem ersten WM-Jahr in der 500er-Klasse, das war 2000, bewies der Italiener von Beginn an, dass er das Zeug zum absoluten Superstar hat. Auf Anhieb wurde er Vize-Weltmeister hinter Kenny Roberts jr. Der Umstieg auf die 500er Honda bereitete dem talentierten jungen Italiener kaum Probleme.
Seinen ersten Sieg in der Königsklasse schaffte Rossi im ersten Jahr nach nur neun Rennen in Donington. Aufs Podium war er zuvor schon mehrere Male geklettert. Nicht nur wegen seiner prächtigen Ergebnisse eroberte Rossi im Sturm die Herzen der GP-Fans. Sein beherzter Angriffsstil war es, der ihm viel Bewunderung einbrachte.
Als Sohn des dreifachen GP-Siegers Graziano Rossi ist Valentino mit dem Motorrad-Rennsport groß geworden. Schon als kleiner Junge war er in Besitz eines Mini-Motorbike. Rossi hat in der 125er- und 250er-Klasse jeweils den WM-Titel in der zweiten Saison gewonnen. Die Startnummer eins trug er dennoch nie. Zum einem wegen der direkten Aufstiege in die nächst höhere Klasse und zum anderen, weil er die Nummer 46 ohnehin nicht preisgeben will. Mit der gleichen Startnummer hat schon sein Vater Rennen bestritten.
Rossi ist mit einem beispiellosen Talent gesegnet. Seine Erfolge scheint er mit spielerischer Leichtigkeit zu erobern. Er scheut keine Risiken, so wie einst seine Vorgänger Kevin Schwantz, Barry Sheene oder Wayne Gardner.
Rossi ist ein Jahrhunderttalent. Einer von vielen Beweisen: Am Sachsenring 2000 fuhr der Italiener vom 16. Platz an die Spitze, obwohl Überholen auf der kurvenreichen Piste für andere Fahrer fast unmöglich ist. Und nicht nur dort begeisterte er die Fans. Mittlerweile ist "Il Dottore" Kult in sämtlichen Länder dieser Welt. Nach Siegen gehören seine Auslaufrunden zu den Höhepunkten der Rennen.
Auch hält der Fahrer aus Urbino einige bemerkenswerte Rekorde. In Donington 2002 bestritt Rossi sein 100. Rennen und feierte seinen 46. Sieg. 46 Prozent aller Rennen gewonnen, keiner kann mehr bieten.
2002 sicherte sich Rossi 355 Punkte innerhalb einer Saison, was ebenfalls Rekord war.
Überdies gewann er 2001 beim Saisonausklang in Brasilien das letzte 500er-Rennen der Geschichte.
Beim Saisonbeginn 2002 gewann er das erste MotoGP-Rennen (mit Viertakt-Maschinen bis 990 ccm) der Geschichte.
Nebenher ist er der letzte Weltmeister der Geschichte auf einer 500er-Zweitakter und der erste auf einer MotoGP-Viertakter.
2003 wiederholte er seinen Vorjahreserfolg. In Motegi (Japan) krönte Rossi sich zum 5. Mal in seiner Karriere zum Weltmeister. Zudem schraubte er seinen im Vorjahr aufgestellten Punkterekord auf 357 Zähler.
Ein Ende seiner Erfolge ist nicht abzusehen.
Oder doch? Rossi machte nämlich etwas ganz Verrücktes. Der Italiener wechselte 2004 trotz seiner großen Erfolge auf der Honda RC211V zu Yamaha. Finanziell hat sich der Wechsel gelohnt. Mit 15 Millionen Dollar wird Rossi der bestbezahlte GP-Pilot aller Zeiten sein. Ob auf der M1 sein Höhenflug aber andauern wird, ist fraglich. Oder vielleicht auch nicht, den der "Doktor" hat bisher immer noch sämtliche Gesetze außer Kraft gesetzt.
What lies behind us & what lies before us are tiny matters compared to what lies within us
onlinemagazin Le Matin , und es is vom 4.juni 2005
Kürzlich haben Sie einen Ehrendoktortitel in Kommunikationswissenschaften erhalten. Doktor, wann sind Sie das letzte mal jemandem begegnet ohne von dieser Person erkannt zu werden?
-Kann mich icht daran erinnern-aber in Italien ist mir das sicher noch nie passiert.
Für Ihre Fans sind Sie eine Art großer Bruder...
-Ja, und das mag ich eigentlich gar nicht. Am aAnfang wars noch ganz nett, aber mit der zeit is es zur qual geworden. Jeder meiner schritte wird beobachtet, meine aussagen analysiert, jeder will wissen wo ich bin, mit wem und warum...
Aber kompensieren nicht all die Titel und das Geld ihre verlorene Freiheit?
-Es ist immer gut Geld zu haben. Jeder der das Gegenteil behauptet, lügt. Aber meine verlorengegangene Privatsphäre kann ich mir mit keinem geld der welt wieder zurückkaufen. Beispiel:ich kann mir mit meinem geld ein riesiges haus kaufen und alles was ich will da reinstellen. Aber wozu brauch ich dieses haus wenn ich es nicht einmal verlassen kann um mit meinen freunden was trinken zu gehen?
Kommt Ihnen das wie eine Krankheit vor?
-Ja, mir fehlen ganz alltägliche dinge die ich nie bewusst wahrgenommen hatte: seit jahren kann ich mir nicht mehr vorstellen wie es ist ganz normal an einem autohof aus dem wagen zu steigen. Ich bin am anfang meiner rennsportkarriere einmal an eine raststätte gekommen und habe Roccia, einen der Bodyguards von vasco rossi ,getroffen ."Was machstn du hier? Wo is vasco?" hab ich ihn gefragt.Er ist vor dem auto stehen gebliebn bis er fertig war. Damals fand ich das ziemlich übertrieben aber jetzt versteh ich es.
Bei den ganzen legenden um Elvis gibt es auch die eine, dass er gar nich t gestorben sondern nur geflohen ist. Er soll sich ein neues gesicht zugelegt haben um seine Privatsphäre wieder zurück zu gewinnen.Was halten Sie davon?
-Ich kann verstehen dass jemandzu so etwas fähig ist. Wenn das wirklich wahr sein sollte, ist das ein beweis dafür dass Elvis vir nichts zurückschreckte um seine freiheit wiederzukriegen. Sollte ich nich vergessen diese geschichte, vielleicht komm ich am einde meiner karriere mal daruf zurück!
Auf Ihrenm helm befinden sich sonne und mond. Was sind die Licht-und Schattenseiten ihrer Existenz?
Sonne und mond symbolisieren das Leben und natürlich auch die zwei seiten meines charakters. Den von valentino,eher sonne als mond, und den von rossi,dem rennfahrer, der mehr mond als sonnein sich birgt.
Die Sonne und der mond in ihrem heutigen Leben?
-Der mond, das sind die Promotiontermine und die Pressekonfrenzen. Und auch immer auf die selben fragen antworten zu müssen. Die sonne, das sind unterredungen mit meinem team und den mechaniker. In meinem privatleben ist es genau anders herum: Der tag wird zur nacht und die nacht wird zum tag-denn tagsüber kann ich keinen fuß vor die tür setzen.
Die Licht-und schattenseiten von der frau die Sie lieben?
-Jede frau hat ihre eigen Licht-und Schattenseiten. Sclimm ist es wenn eine frau sich in den kopf gesetzt hat eine zicke zu sein, und das auch noch von selbst. Doch die Guten seiten einer sympathischen und intelligenten frau können das alles wieder aufiegen und deine ganze welt verändern.
Ich weiß wer Ihre derzeitige freundin ist , wo ich Sie antreffen kann-aber ich werde Sie nicht weiter danach ausfragen. Bin ich nun ein schlechter journalist?
-Nein ,wenn Sie das nicht tun wären Sie ein toller journalist.
Passt schon. Weinen Sie manchmal?
-Das ist bei mir kein Reflex. Ich weine weder wenn ich gewinne noch wenn alles schief läuft. Dagegen kann ich bei einem Film wie ein schlosshund heulen. Das letzte mal in einem Kino: Ich hab mir "Gladiator" angeschaut und hab dann den saal verlassen weil ich mich so geschämt hab.
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