Mad Max kommt langsam ins Schleudern
Die Motorrad-WM in der Königsklasse floriert dank der Feindschaft ihrer italienischen Helden: Max Biaggi und Valentino Rossi
Berlin - Was der eine vom anderen hält, demonstrieren Max Biaggi und Valentino Rossi nach jedem Rennen. Dann bitten die italienischen Motorrad-Piloten ausgewählte Journalisten zur Privataudienz. Eine Hälfte nimmt bei Rossi Platz, die andere lauscht Biaggis Hass-Tiraden. "Valentino ist ein Aufschneider", knurrt Biaggi, 31. Nebenan feuert Rossi, 24, zurück: "Wenn Max ein Problem mit mir hat, können wir das gerne auf der Strecke regeln."
Zwischen den Fronten versucht Honda-Teammanager Carlo Fiorani, ein gemütlicher Italiener mit Bauchansatz, halbherzig zu schlichten: "Man darf das nicht alles so ernst nehmen." Allein: Der schlagzeilenträchtige Knatsch kommt der Branche wie gerufen. Mit Rossi und Biaggi hat die Szene ein schlagkräftiges Duo, das die Fangemeinde polarisiert und Medien-Aufmerksamkeit garantiert. In Italien stieg Motorrad zur populärsten Sportart nach Fußball und Formel 1 auf. Auch in Deutschland wächst das Interesse stetig. Erstmals berichtet RTL heute live von einem Grand Prix (in Jerez, ab 11 Uhr).
Auf dem gebürtigen Römer Biaggi lastet dann großer Druck. Noch nie konnte der viermalige Champion in der schwersten Klasse (500ccm oder auch: Moto-GP) reüssieren, den letzten Titel gewann er 1997. Seine Durststrecke bei Yamaha entschuldigte er mit schlechtem Material. "Rossis Honda ist einfach überirdisch."
Ein Eigentor, denn obwohl er in dieser Saison zum japanischen Branchen-Primus wechselte, kommt er ins Schleudern. Rossi, der jüngste Champion aller Klassen und Titelverteidiger, führt souverän die WM an. Biaggi liegt auf Rang drei. Der vorwitzige Teamkollege hängte den Oldie auch in Interviews locker ab. Rossi ätzte: "Er fährt doch nur Motorrad, damit er in der Jury der Miss-Italia-Wahl sitzen darf."
In Suzuka vor zwei Jahren kamen sich die Rivalen richtig in die Quere. Als Rossi in einer Linkskurve bei Tempo 180 überholen wollte, fuhr Biaggi den Ellbogen aus. Rossi drängelte sich nach einem waghalsigen Schlenker vorbei - und zeigte dem Hintermann den ausgestreckten Mittelfinger. Biaggi forderte eine Entschuldigung, Rossi drehte ab: "Wenn das Rennen abgewinkt wird, ist die Sache für mich erledigt. Wenn er die Sache aber am Kochen halten will, bitte schön. Wir sehen uns auf der Strecke wieder."
Ein Handschlag sollte die Fehde beenden, doch die Geste, bei der die Streithähne Augenkontakt vermieden, "war nur eine Pflichtübung für die Fans und Sponsoren", spottete Biaggi. "Es ändert nichts daran, dass wir wohl nie Freunde werden."
Die beiden trennen Welten. Biaggi ist eher verschlossen, wortkarg, ein Eigenbrötler. Rossi gehören mehr Sympathien, weil er das Herz auf der Zunge trägt - und Farbe bekennt. Während des Irak-Krieges heftete er sich eine Friedensfahne an die Lederkluft. Rossi, der aus einem Dorf in den Marken stammt, haut das Gros des 10-Millionen-Dollar-Gehalts in London am Zweitwohnsitz auf den Kopf: "Eine coole Stadt mit coolen Leuten."
Während Rossi auf Ehrenrunden übermütig auf den Sitz steigt und wegen seines Spitznamens "Dottore Rossi" zur Gaudi einen weißen Kittel überzieht, winkt Biaggi nur artig den Fans zu. Rossi kratzt sich gern ausgiebig vor dem Start in der Lendengegend, Biaggi sind Macho-Allüren fremd.
In der Liebe liegen beide gleichauf: Sie sind solo. Rossi schmückte sich einige Monate mit der Gelegenheitsschauspielerin Martina Stella, hielt aber mit seiner wahren Passion nicht hinterm Berg: lieber mit alten Freunden einen trinken gehen.
Im Debütjahr schon Vize-Weltmeister
In seinem ersten WM-Jahr in der 500er-Klasse, das war 2000, bewies der Italiener von Beginn an, dass er das Zeug zum absoluten Superstar hat. Auf Anhieb wurde er Vize-Weltmeister hinter Kenny Roberts jr. Der Umstieg auf die 500er Honda bereitete dem talentierten jungen Italiener kaum Probleme.
Seinen ersten Sieg in der Königsklasse schaffte Rossi im ersten Jahr nach nur neun Rennen in Donington. Aufs Podium war er zuvor schon mehrere Male geklettert. Nicht nur wegen seiner
prächtigen Ergebnisse eroberte Rossi im Sturm die Herzen der GP-Fans. Sein beherzter Angriffsstil war es, der ihm viel Bewunderung einbrachte.
Als Sohn des dreifachen GP-Siegers Graziano Rossi ist Valentino mit dem Motorrad-Rennsport groß geworden. Schon als kleiner Junge war er in Besitz eines Mini-Motorbike. Rossi hat in der 125er- und 250er-Klasse jeweils den WM-Titel in der zweiten Saison gewonnen. Die Startnummer eins trug er dennoch nie. Zum einem wegen der direkten Aufstiege in die nächst höhere Klasse und zum anderen, weil er die Nummer 46 ohnehin nicht preisgeben will. Mit der gleichen Startnummer hat schon sein Vater Rennen bestritten.
Rossi ist mit einem beispiellosen Talent gesegnet. Seine Erfolge scheint er mit spielerischer Leichtigkeit zu erobern. Er scheut keine Risiken, so wie einst seine Vorgänger Kevin Schwantz, Barry Sheene oder Wayne Gardner.
Rossi ist ein Jahrhunderttalent. Einer von vielen Beweisen: Am Sachsenring 2000 fuhr der Italiener vom 16. Platz an die Spitze, obwohl Überholen auf der kurvenreichen Piste für andere Fahrer fast unmöglich ist. Und nicht nur dort begeisterte er die Fans. Mittlerweile ist "Il Dottore" Kult in sämtlichen Länder dieser Welt. Nach Siegen gehören seine Auslaufrunden zu den Höhepunkten der Rennen.
Auch hält der Fahrer aus Urbino einige bemerkenswerte Rekorde. In Donington 2002 bestritt Rossi sein 100. Rennen und feierte seinen 46. Sieg. 46 Prozent aller Rennen gewonnen, keiner kann mehr bieten.
2002 sicherte sich Rossi 355 Punkte innerhalb einer Saison, was ebenfalls Rekord war.
Überdies gewann er 2001 beim Saisonausklang in Brasilien das letzte 500er-Rennen der Geschichte.
Beim Saisonbeginn 2002 gewann er das erste MotoGP-Rennen (mit Viertakt-Maschinen bis 990 ccm) der Geschichte.
Nebenher ist er der letzte Weltmeister der Geschichte auf einer 500er-Zweitakter und der erste auf einer MotoGP-Viertakter.
2003 wiederholte er seinen Vorjahreserfolg. In Motegi (Japan) krönte Rossi sich zum 5. Mal in seiner Karriere zum Weltmeister. Zudem schraubte er seinen im Vorjahr aufgestellten Punkterekord auf 357 Zähler.
Ein Ende seiner Erfolge ist nicht abzusehen.
Oder doch? Rossi machte nämlich etwas ganz Verrücktes. Der Italiener wechselte 2004 trotz seiner großen Erfolge auf der Honda RC211V zu Yamaha. Finanziell hat sich der Wechsel gelohnt. Mit 15 Millionen Dollar wird Rossi der bestbezahlte GP-Pilot aller Zeiten sein. Ob auf der M1 sein Höhenflug aber andauern wird, ist fraglich. Oder vielleicht auch nicht, den der "Doktor" hat bisher immer noch sämtliche Gesetze außer Kraft gesetzt.