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Default 16.02.2007, 21:11

Aufmüpfiger Goldjunge
Rossi auf seiner blauen Yamaha: Der Feind ist sein Antrieb, sein Motor.
Er kommt ständig zu spät, verärgert Sponsoren und versetzt Freunde, die für ihn um die halbe Welt reisen. Zuverlässig ist Valentino Rossi, 25, nur an einem Ort: Auf seinem Motorrad. Schon vor dem letzten Rennen in der 500er-Klasse hat er den Weltmeistertitel gewonnen – seinen sechsten.
Valentino Rossi war den anderen immer voraus. Schon als Kind flitzte er im Gokart an der Spitze davon. Heute, mit 25 Jahren, ist er ein Rennen vor Abschluss der Saison zum sechsten Mal Motorrad-Weltmeister, ist in der 125er- und 500er-Klasse der jüngste Sieger aller Zeiten – und ist er der Einzige überhaupt, der in vier verschiedenen Klassen Weltmeister wurde. Ein Phänomen.
Doch Rossi ist mit dem siebenfachen F-1-Weltmeister nur statistisch zu vergleichen. Während der deutsche Seriensieger auch die langweiligen Rennen liebt, solange er sie gewinnt, muss Valentino Rossi etwas ändern, wenn er sich beim Siegen zu langweilen beginnt. Er muss sich selber neu herausfordern. So wie am Ende der letzten Saison, als er mit fünf Weltmeistertiteln in der Tasche seinem Profileben eine unerwartete Wendung gab: Er stieg von seinem Thron – von seiner Honda, von der er geträumt hatte, seit er sechs Jahre alt war. Und wechselte zur japanischen Konkurrentin Yamaha, die seit 1992 keine Weltmeisterschaft mehr gewonnen hatte.
Bei Honda gab man Valentino Rossi bei seinen Besuchen in Tokio nie das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Die Honda-Leute glaubten zuerst an die Stärke ihres Motorrads, dann erst an die des Fahrers, was Rossi kränkte. Er fühlte sich ungeliebt, auch mochte er diese «Honda-Japaner» nie. Von denen bekomme er «giapponsite», die «Japanitis», sagte er.
Bei Yamaha fand er die Familie, die er braucht. Rossi akzeptierte es, am Anfang der Saison nicht Titelfavorit zu sein, weil das Motorrad nicht zu den besten gehört. Es war sein neuer Reiz, es als Aussenseiter allen zu zeigen – vor allem Honda. Der Wechsel zahlte sich finanziell aus: Zehn Millionen Euro verdient Rossi bei Yamaha plus eine Viertelmillion pro gewonnenes Rennen und eine Million für den Gewinn der Weltmeisterschaft. Dass sich der Wechsel auch sportlich auszahlte, zeigte sich schon beim ersten Rennen im April: Rossi gewann. «Jetzt habe ich bewiesen, dass nur der Fahrer den Unterschied macht», kommentierte er den Sieg stolz.
Er könnte noch mehr verdienen
Samt Werbeverträgen kommt Rossi jährlich auf geschätzte 22,8 Millionen Euro. Das ist mehr, als Andre Agassi oder David Beckham verdienen, aber bedeutend weniger als Tiger Woods und Michael Schumacher mit ihren über 60 Millionen im Jahr. Rossi sei unter Wert verkauft, behaupten darum Marketingexperten. Die Werbebotschaften – von Telecom Italia, Nastro- Azzurro-Bier, Dainese, Kerakoll, AVG – reichen doch, meint dagegen Rossis Manager Gibo Badioli. Bei Rossis Agentur Great White London in London würden täglich neue Werbeangebote ins Haus flattern. «Ich sage inzwischen nicht einmal mehr ab», sagt Badioli, «ich antworte einfach nicht mehr und basta.»
Valentino Rossi ist ein moderner junger Mann. In seiner Freizeit fährt er gern Ski. Auf den Reisen fliegt er kurze Strecken im Privatflugzeug, lange Strecken mit British Airways. Er leistet sich einen BMW M3 und zwei Porsche. Am liebsten investiert er sein Geld in Immobilien. So besitzt er eine Wohnung in London – 150 Quadratmeter am Piccadilly Circus, steuergünstig. Er hat zudem ein Haus auf Ibiza, wo er regelmässig in die Disco geht und zur Musik von House-Guru DJ Ralf tanzt. Er gibt je zehn Prozent seines Einkommens an Mutter und Vater ab.
Mutter Stefania ist noch immer sein Lebensmittelpunkt, seine Beraterin, seine Freundin. Bei ihr wohnt er bei seinen Besuchen im kleinen Tavullia, seinem Geburtsort. Dort tollt dann auch Luca herum, Valentinos sechsjähriger Halbbruder aus der zweiten Ehe der Mutter. Auch er fahre schon gut Motorrad, meint sie. «Ich wünsche mir aber weiss Gott nicht noch einen Profifahrer zum Sohn.»
Vor wenigen Tagen kam sie aus Australien zurück. «Ich wollte nah bei Valentino sein», sagt sie. Auch wenn sie sich das Rennen dann nur im Fernsehen ansah, weil sie es noch immer nicht schafft, dem Sohn auf der Piste zuzusehen, wenn er mit 300 Stundenkilometern über den Asphalt rast. «Es wäre banal zu sagen, dass ich keine Angst habe», sagt sie, «aber ich weiss, dass Valentino vorsichtig ist, dass er keine Dummheiten macht.» Er sei in den Jahren im Motozirkus reifer geworden.
Schwieriger ist das Verhältnis zum Vater, der die Familie verliess. Graziano Rossi, ein ehemaliger Lehrer, war früher ein Vorbild für seinen Sohn, weil er selber Rennen fuhr. In Tavullia hatten sie ihre Übungspiste. Der Vater brachte Valentino die ersten Tricks auf dem Motorrad bei. Heute hört sich der Sohn Grazianos Ratschläge an – und macht dann das Gegenteil. Vater Rossi ist ein Exzentriker: Vor Jahren führte er an Rennen stets eine Henne am Halsband spazieren. Die aussereuropäischen Rennen meidet er, zu Valentinos Rennen in Europa fährt er in seinem BMW, wo er auch übernachtet. «Er ist geizig », sagt ein Bekannter der Familie, «wie Valentino auch.»
Immer mit dem Clan unterwegs
Valentino Rossi versteht sich als Weltbürger. In seinem Herzen aber ist er der Junge aus Tavullia geblieben. Auch die Freunde sind noch von damals. Eine ganze Clique begleitet ihn zu den Rennen. So Rossis bester Freund Uccio, der den Camper fährt, in dem sie alle leben; sein Vater fungierte nach der Scheidung von Rossis Eltern als Ersatzvater, heute betreut er den Fanklub. Manager Gibo Badioli verkaufte früher in Tavullia Möbel . «Sie sind ein richtiger Clan, an den nur wenige herankommen », sagt Paolo Ianieri, Journalist bei der «Gazzetta dello Sport».
Ausser der Mutter spielen Frauen im Leben von Valentino Rossi eine untergeordnete Rolle. Nach wenigen kurzen Liebesgeschichten – darunter eine mit der Nachwuchsschauspielerin Martina Stella – ist der 25-Jährige zum Schluss gekommen, dass Frauen das Leben nur komplizieren. «Sie sind eine Ablenkung, die es besser nicht geben würde», sagt er, wohlwissend, dass er die Herzen vieler Frauen zum Schmelzen bringt. «Ich bin halt schüchtern und schäme mich schnell», sagt er selber. «Valentino ist schüchtern und gleichzeitig durchgeknallt», korrigiert Enrico Borghi, ein Freund. Es gebe manchmal Monate ohne Kontakt. «Dann ruft er plötzlich aus Sydney an, wenn er sich allein fühlt, und sagt: Hey, komm doch runter, dann ziehen wir um die Häuser.» Aber dann, angekommen in Sydney, nur das ausgeschaltete Handy. «Bei Valentino muss man auf alles gefasst sein», sagt Borghi.
«Ja, ja», lacht Rossi. «Ich bin ziemlich unzuverlässig, dafür ehrlich.» Seine Launenhaftigkeit bekommen auch Sponsoren zu spüren. Zur Premiere eines Werbespots für die italienische Telekom – die ihm jährlich 1,5 Millionen Euro zahlt – erschien er nicht. Für seine Freunde schleppte er auch schon Bierkisten der Konkurrenz an und gestand öffentlich und zum Ärger von Sponsor Nastro Azzurro: «Von Bier kriege ich Kopfweh.»
Valentino Rossi, ein Mann voller Widersprüche: Er schläft viel und kommt immer zu spät – und ist an den Rennen doch stets der Erste. Vor Jahren schwor er, nie für Zigaretten Werbung zu machen – heute zahlt Gauloises den Grossteil seines 10-Millionen-Honorars bei Yamaha. Er ist stets von Menschen umringt und doch oft allein. Der Rückzug in die kleine Welt von Tavullia ist für ihn wichtig, weil ihm der Rummel oft zu viel wird. «Die Menschen fassen mich an, zerren an mir, benehmen sich, als würden sie mich seit zehn Jahren kennen», jammert er. Am liebsten ist er allein mit seinem Motorrad. «Er spricht mit ihm und streichelt es wie ein Pferd», sagt Paolo Ianieri. Rossis Gefühl für die Maschine ist einmalig, seine Psyche noch besser. Er gewinne die Rennen im Kopf, heisst es. Wie kein anderer könne er die Konzentration über ein ganzes Rennen aufrechterhalten. Nie wird er hektisch. «Mein Geheimnis ist, dass ich mich auf dem Motorrad ganz langsam bewege», sagt er – auch wenn er mit 300 Stundenkilometern durch die Kurven jage. Auf der Piste sucht er immer nach einem Feind, jemanden, auf den er sich fokussieren kann. Der Feind ist sein Antrieb, sein Motor. Lange hiess dieser Gegenpol Max Biaggi. Beim Rennen in Barcelona vor zwei Jahren schlugen die beiden Piloten ohne besonderen Grund aufeinander ein. Seitdem wechseln sie kein Wort mehr miteinander. Einmal noch gaben sie sich die Hand, das wurde in den Medien als Versöhnung gefeiert.
Rossis aktueller Feind heisst Sete Gibernau. Der spanische Honda-Pilot provozierte Rossi, indem er ihn bei der Rennleitung in Doha anschwärzte. Gibernau beobachtete Rossis Mechaniker, wie sie die neue Startpiste in Katar heimlich «polierten», indem sie einen Motorroller auf dem Startplatz durchdrehen liessen. Der Gummiabrieb sollte auf der nagelneuen Piste besseren Grip und so ein paar Sekundenbruchteile Zeitgewinn beim Start ermöglichen. Rossi wurde auf den vorletzten Startplatz strafversetzt und schied im Rennen später aus.
Bald in der Formel 1?
So etwas lässt der Italiener nicht auf sich sitzen. Beim folgenden Rennen in Malaysia zog er sich nach dem Sieg ein T-Shirt mit dem Aufdruck «Das schnelle Putzduo» an, liess sich einen Besen bringen und begann die Piste zu schrubben. In Australien ging die Demontage seines neuen Feindes weiter. Beim zweitletzten Rennen der Saison genügte Rossi schon der zweite Platz für den Titelgewinn. Doch in der letzten Runde überholte er den führenden Gibernau und gewann das Rennen.
Doch solche Feindschaften sind Nebengeräusche; sie gehören in die Kategorien Selbstmotivation und Unterhaltung für die Zuschauer. Rossi weiss längst, dass er allen überlegen ist. Also wird er sich wohl bald wieder eine neue Herausforderung suchen. Im April in Fiorano versuchte er sich als Testfahrer in der Formel1 und war im Ferrari von der ersten Runde an sehr schnell. Nicht nur sein Vater drängt ihn zu einem Wechsel. «2006 ist der richtige Zeitpunkt, danach könnte es für ihn schon zu spät sein», sagt Graziano Rossi. Möglich, dass der Sohn den Ratschlag des Vaters für einmal nicht ins Gegenteil verkehrt. Zumindest winkt er bei der Frage nach einer Zukunft in der Formel 1 nicht ab: «Dazu möchte ich im Moment nichts sagen.»




Tavullias Sohn und Sieger Valentino Rossi - Der ewige Sieger
Valentino Rossi, Macho und Motorrad-Genie, führt das waghalsige Leben, von dem Italiens Provinz immer träumte – inzwischen kennt er den Preis dafür.
von Birgit Schönau Erschienen in der Süddeutschen Zeitung - 6.6.03
Lungotevere, ein kleiner Mond, die Luft ist lau und die Straße bietet sich an. Links fließt träge der Tiber, dahinter glitzert die Engelsburg, rechterhand laufen die Nachtschwärmer zur Piazza Navona. Was soll denn das Ding noch im Vergaser, hat der Mechaniker gesagt, und es einfach rausgenommen. Keine Widerrede abgewartet, man will ja auch nicht das einzige unfrisierte Mofa in ganz Rom haben. Wrrumm, was schafft es denn jetzt, das Free, 40, 50, 60, 70, siebzig! Nicht zu fassen! Die Engelsburg fliegt vorbei, der Friedensaltar des Augustus, der Justizpalast, wrrumm! Piazza del Popolo und ab in den Tunnel, einmal richtig durchkrachen.
Schon okay, ist nur ein mickriges Free, macht aber gar nichts. In solchen Nächten sind wir alle ein bisschen Valentino Rossi. Als Rossi einmal in der 125er Klasse in Mugello gewann, widmete er den Sieg den Carabinieri seines Heimatortes Tavullia. „Ich habe vier Crossräder“, sagte Rossi, „die sind ein bisschen frisiert. Eines hat mir deswegen der Gabba von den Carabinieri beschlagnahmt. Dann hat er mich mit dem nächsten angehalten, hat sich den Motor angeschaut und gesagt: in Ordnung. Dabei hatte ich das genauso behandelt. Du bist eben doch ein richtig blöder Carabiniere, hab‘ ich dem gesagt.“ In Tavullia konnten sie darüber nicht lachen. „Wenn wir den noch einmal erwischen“, schnaufte der Maresciallo, „gibt es kein Pardon!“
So steht es in der Biografie Rossifumi. Seither hat Rossi Weltmeistertitel in allen Klassen geholt: 125 ccm, 250 ccm, 500 ccm und MotoGP, startet am Sonntag in Mugello als Titelverteidiger und Führer der Gesamtwertung – und lebt in London, Saint James Street, weit weg von Tavullia und seiner strengen Polizei, von den Fans und dem italienischen Fiskus. Was nicht bedeutet, dass er seinem Dorf in den Marken am Ende einer kurvenreichen Straße in den Hügeln hoch über dem Meer wirklich entwachsen ist.

Start mit Stützrädern
Rossi ist der Junge aus der Provinz, der es in die große, weite Welt geschafft hat, aber auf die erstaunte Frage an sein eigenes Riesen-Ego: „Warum bin ich eigentlich Weltmeister geworden?“ ganz ernsthaft antwortet: „Weil der Uccio mich sonst verprügelt hätte.“ Der Uccio heißt eigentlich Alessio Salucci, er ist Rossis Freund seit Sandkastentagen. Man schwänzte gemeinsam die Schule, lieferte sich Rennen haarscharf am Rand des Abwasserkanals und versuchte mit nicht sehr großem Erfolg, in der Disko die Mädchen aufzureißen.
Inzwischen ist Rossi die Kultfigur seiner Generation. Für das Rennen in Mugello hat es wegen des Andrangs erstmals nicht geklappt, Busse wenigstens für die Fans aus den Marken zu organisieren – jeder muss für sich allein anreisen und sich irgendwie eine Eintrittskarte verschaffen, zum Preis zwischen 70 und 150 Euro. Max Biaggi, der Zweitplatzierte und ärgste Konkurrent Rossis, hat den Mitgliedern seines Fanklubs einen Rabatt von 30 Prozent versprochen. Biaggi ist ja auch nicht davor zurückgeschreckt, in Auditore einen Klub einzuweihen, eine Vereinigung eingefleischter Rossi-Hasser nur 20 Kilometer von Tavullia. Und Rossi hat dazu gesagt: „Ich bin Weltmeister, weil ich nicht aus Auditore komme.“ Biaggi und er können sich nicht leiden, dazu kommen wir später.
Valentino Rossi hat früh angefangen. Beim ersten WM-Titelgewinn war er 17, seither ist er um drei Zentimeter gewachsen. Er ist die Symbolfigur der Baby-Bikers, welche die Sehnsüchte ihrer eigenen, nie richtig erwachsen gewordenen Eltern realisieren sollten. Das sind Familienväter, die mit dem Volksbarden Lucio Battisti aufgewachsen sind und mit seiner Ballade Motocicletta, in der als ultimativer Liebesbeweis dem Mädchen ein Motorrad angeboten wird, um sie doch noch rumzukriegen.
Hinter Valentino steht Graziano, Jahrgang 1954, ausgebildeter Grundschullehrer, leidenschaftlicher Cross-Fahrer und leidlicher Rennfahrer mit drei GP-Siegen in der 250er Klasse. Von Graziano geht die Mär, er sei mal mit einem Huhn an der langen Leine durch Pesaro flaniert, und was diesen Hang zum fröhlichen Anarchismus angeht, mit dem sich so viele Italiener identifizieren möchten – den hat er an seinen Sohn ziemlich dominant weitervererbt. Graziano jedenfalls schenkte dem zweijährigen Valentino ein elektrisches Mofa mit Stützrädern, und damit ging es los. Mit zehn fuhr der Kleine Kartrennen, ein Jahr später war er schon Meister der Region Marken, mit 13 stieg er dann endgültig aufs Zweirad. 1996 unterzeichneten die Eltern Rossi für ihren Sohn den ersten Vertrag mit der italienischen Traditionsmarke Aprilia.

Die Tifosi sind hingerissen
Italien hat andere starke Motorradfahrer hervorgebracht, Carlo Ubbiali etwa, mit neun Weltmeistertiteln und allen voran den 15-maligen Weltmeister Giacomo Agostini. Durch Max Biaggi, der in der 250er Klasse vier Titel gewann, erfuhren die Rennen in den neunziger Jahren neuen Auftrieb, aber erst Rossi hat sie zum Massenerlebnis gemacht, zum populärsten Sport Italiens nach Fußball und Formel 1. Mugello wird am Sonntag ein TV-Großereignis werden – auf einem Fernsehkanal von Ministerpräsident Berlusconi.
Valentino Rossi ist das erste Medienphänomen einer Branche, in der bisher die wortkargen, harten Asphaltpiraten vom Schlage Biaggis dominierten. Dem Jungen aus Tavullia gelingen atemberaubende Aufholjagden, nur der Start bleibt sein Schwachpunkt, schließlich ist er passionierter Langschläfer. Bei den Siegesfeiern aber dreht Rossi als Valentinik, Rossifumi, Dottor Rossi richtig auf. In England ist er schon im Robin-Hood-Kostüm auf die Bühne gekommen, legendär wurden sein Auftritte als Supermann und die Triumphfahrt mit einer aufblasbaren Puppe. Einmal setzte sich ein als Huhn verkleideter Kumpel auf den Sozius, und Valentino Rossi trug unter seinem Rennanzug ein T-Shirt mit dem Aufdruck Pollo Osvald. Der mysteriöse Sponsor war ein Hähnchenbräter aus Tavullia, der Valentino Rossi in dessen kurzer Amateurzeit mit seinen Produkten versorgt hatte.
Die Tifosi waren hingerissen von diesen Einlagen. Endlich fuhr da einer von ihnen mit augenscheinlicher Leichtigkeit von Sieg zu Sieg, von einem Titel zum nächsten, kratzte sich aber vor dem Start abergläubisch an den Hoden und erklärte in schöner Offenheit, dass er beim Fußballspielen übrigens „eine Totalniete“ sei und es mit den Mädchen irgendwie auch nicht hinbekäme. „Frauen sind wie Journalisten: Wenn du gewinnst, kommen sie von allein“, hat Rossi, ganz Dorfmacho, auch schon mal getönt, dann aber zugegeben, dass er leider noch keine Freundin habe. „Jedenfalls, wenn ich eine Frau wäre, würde ich den ganzen Tag meinen eigenen Busen anfassen.“
Wrrumm! Intensiv pflegt Valentino seine Intimfeindschaft zu Max Biaggi, dem düsteren Kosaren aus Rom. Inzwischen fahren beide für Honda und mussten deshalb etwas runterschalten, aber hinter der coolen Fassade brodelt es weiter, so hingebungsvoll verabscheuen sie sich. In dieser Woche gab es für Italiens Motorsportler einen Empfang beim Staatspräsidenten. Rossi hatte Besseres vor. Biaggi ließ sich im Vorraum des Quirinalspalastes noch schnell eine Krawatte umbinden und kommentierte genüsslich: „Schlecht für Rossi, dass er nicht gekommen ist. Bei solchen Terminen darf man nicht fehlen.“ Biaggi hat es dem Rivalen nie verziehen, dass Rossi ihm beim ersten Überholmanöver in der 250er Klasse den Stinkefinger zeigte und bis heute verbreitet, er könne sich vorstellen, noch alles zu werden, „nur nicht wie Max Biaggi“. Verbal haben sich die beiden auf allen Ebenen beharkt und in Spanien kam es vor zwei Sommern auch mal zu einer handfesten Rauferei.

„Ein Schmerz, der nicht nachlassen will“
Valentinos Lieblingssänger heißt auch Rossi, Vasco Rossi, er ist der Barde der Baby-Bikers, und singt ihre Hymne Voglio una vita spericolata, ich will ein waghalsiges Leben. Inzwischen kennt der Weltmeister den Preis. Seine Manager haben um ihn schier undurchdringliche Mauern gezogen. „Man kann mit ihm nicht mehr reden“, klagen selbst die Funktionäre des Motorsportverbandes. Vor einem halben Jahr hatte Rossi eine Bombendrohung erhalten und stand zeitweise unter Polizeischutz. Da war die Leichtigkeit dahin, für alle sichtbar. Beim letzten Grand-Prix-Sieg war er so nervös, dass er eine Italien-Fahne, die die Fans ihm reichten, unwirsch zu Boden warf. „Hab‘ nicht richtig hingeschaut, hätte auch von der Schwulenbewegung kommen können“, wollte Rossi sich später rechtfertigen. Übler Ausrutscher. Entschuldigt hat er sich nicht.
Der Champion sei müde geworden, heißt es neuerdings. Er langweile sich auf der Piste, die Konkurrenten ödeten ihn an. Ein waghalsiges Leben wollte er, wie so viele Jungen auf dem Land, die den Tod in jeder Kurve herausfordern, weil das der einzige Kitzel in ihrem sonst so eintönigen Alltag ist. Und wie so viele hat Valentino Rossi, der Alleskönner, das millionenschwere Pistengenie, Freunde bei einer solchen Raserei verloren, gleich drei in einer Nacht. Es geschah auf der Straße von Pesaro nach Tavullia, und es ist, sagt Rossi, „ein Schmerz, der nicht nachlassen will. Jedesmal, wenn ich nach Hause fahre, muss ich am Unfallort vorbei. Jedesmal hoffe ich, dass da keine Blumen stehen, dass das alles nicht passiert ist“.
Aber es ist passiert. Am 6. April ereignete sich der letzte tödliche Unfall beim Moto-GP in Suzuka – der Japaner Daijro Kato raste mit über 200km/h in die Absperrmauer. Valentino Rossi denkt angeblich schon an seinen Rückzug. Er ist 24 Jahre alt.
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