Rossi Mania in Vollendung
Mit fast 25 Jahren ist Valentino Rossi in Italien und in aller Welt bereits zum Mythos geworden. Und dies nicht nur, weil er über die Hälfte seiner MotoGP-Rennen gewonnen hat.
Valentino Rossi hebt sich nicht nur durch seine außergewöhnlichen Erfolge von seinen Mitstreitern ab. Er ist auch ein herausragendes Phänomen, und seine Beliebtheit basiert nicht nur auf seinen berauschenden Rennerfolgen. Die „Rossimania“, deren sonderbarste Auswüchse bei Valentinos Heim-GP in Mugello genüsslich beobachtet werden können, ist zu einer konstant wachsenden globalen Bewegung geworden.
Kein Motorradfahrer hat jemals Rossis Bekanntheitsgrad erreicht, keiner wird so inbrünstig verehrt und das ganze Jahr hindurch so hartnäckig von seinen leidenschaftlichen Anhängern verfolgt wie Rossi. Wie eine Lawine bricht die Bewunderung über Rossi zusammen. Die ausufernde weltweite TV-Berichterstattung hat aus Rossi einen Popstar gemacht. Sein gefälliges Aussehen und seine Fähigkeit, auf der Rennstrecke das Unmögliche möglich zumachen, zieht die Massen in den Bann des Yamaha Stars. Nirgends wird die Rossimania so offenkundig wie beim Mugello-GP in den Hügeln der Toskana.
Es gibt einen einfachen Test für die Beliebtheit eines Rennfahrers an der Rennstrecke. Zählen Sie einfach Fans, die nach dem Training auf der Rückseite der Box auf die Fahrer warten. Dort stehen sie, und träumen von einem Autogramm, wollen einen Blick auf den Superstar erhaschen oder kurz seine Ledermontur berühren. Manche strecken dem Star die Hand entgegen, andere begnügen sich hingegen mit einem persönlichen Schnappschuss fürs Familienalbum. Auf diesem Gebiet spielt Rossi in einer anderen Liga als anderen Rennfahrer.
Enge Freunde der Familie, völlig Fremde, alles Mitglieder des Official-Valentino-Rossi-Fan-Clubs aus ganz Europa und teilweise sogar Übersee versammeln sich in einer Form gemeinsamer Erwartung und Verherrlichung auf den Rennstrecken in aller Welt. Aus der Enge und Verschlossenheit von Tavullia ist Rossi längst in die Großstadt London geflüchtet. In London genießt Valentino nicht den selben Heldenstatus wie im Motorsport verrückten Italien. Aber der Yamaha-Star ist froh, dass ein Fanclub immer noch von Reno Salucci geleitet wird, dem Vater seines besten Freundes Uccio. Vier Mitarbeiter sind vollamtlich im Club-Sekretariat beschäftigt. Das Büro befindet sich selbstverständlich in Tavullia.
Der Club wurde gegründet, als Valentino 1996 in Brünn seinen ersten 125er-GP gewann. Damals waren es nur 9 Leute, Vales Freunde aus der Bar in Tavullia. Jetzt sind es mehr als 6.000 Mitglieder. Der Fan-Club beantwortet jeden Brief, jede Person erhält ein Paket mit Informationen, sogar wenn es nicht Mitglied ist. Egal ob das Clubmitglied aus Italien, Deutschland, Australien oder Japan kommt, alle bekommen ein Willkommenspaket mit einer kleinen Tasche, mit einer Kappe, einem T-Shirt, einer Mitgliedskarte, einem Poster und ein paar Aufklebern. Sie müssen erst bezahlen wenn sie diese Artikel erhalten haben. Das ganze Geld, das am Jahresende übrig bleibt geben sie für wohltätige Zwecke weiter. Zuletzt haben sie Kriegsopfer unterstützt. Im Fanclub treffen sich alle Altersgruppen, vom dreijährigen Fan bis zur 90 jährigen Urgrossmutter.
Ein schräger Typ trickst alle aus 31. Oktober 2004
„Entweder ende ich als Held oder im Dreck", gab der dürre, milchgesichtige Junge mit den wuscheligen Haaren einst bekannt, und anfangs waren die italienischen Journalisten noch amüsiert. Denn daß sich ein 17jähriger Debütant nach jedem seiner Rennen ins Medienzentrum der Motorrad-Weltmeisterschaft mogelte, um die Presse mit Informationen zu füttern, das hatte es zuvor noch nie gegeben. Doch als der kecke Junge aus der Provinz nicht aufhören wollte zu quatschen, reichte es den Journalisten: Sie riefen die Sicherheitsleute und ließen den nervigen Nachwuchspiloten entfernen. Das war 1996.
Acht Jahre später ist der noch immer dürre, aber nicht mehr ganz so milchgesichtige junge Mann mit dem Wuschelkopf ein begehrter Gesprächspartner. Und Valentino Rossi teilt großzügig aus. Gefragt, was Honda tun müsse, um wieder Weltmeister der MotoGP-Klasse zu werden, antwortet er: "Ganz einfach: mich zurückholen." Wenige Stunden zuvor hatte sich der 25jährige Italiener selbst ein Denkmal gesetzt. Beim Großen Preis von Australien hat er seinen einzigen übriggebliebenen Konkurrenten, den Spanier Sete Gibernau, in der Schlußrunde ausgetrickst und damit seinen sechsten Weltmeistertitel eingefahren - auf einem Motorrad, das 2003 von 16 Rennen nicht ein einziges gewonnen hatte. An diesem Wochenende gab Rossi beim Großen Preis von Spanien, dem letzten WM-Lauf der Saison, eine Zugabe - auch dort gewann er.
„Ein bißchen verrückt"
Selbst einige seiner Freunde hatten ungläubig den Kopf geschüttelt, als Rossi vor einem Jahr bekanntgab, nach drei Weltmeistertiteln mit Honda auf Yamaha umzusteigen. Denn das war ungefähr so, als würde Michael Schumacher freiwillig von Ferrari zu Jaguar gehen. Seit mehr als einem Jahrzehnt waren die Yamahas zuverlässig der Konkurrenz hinterhergefahren; selbst gestandene Weltmeister wie die Italiener Max Biaggi oder Loris Capirossi sahen sich von diesen unmöglichen Motorrädern überfordert. Und so setzte allgemeines Kopfnicken ein, als Rossi verlauten ließ: "Vielleicht wirkt meine Entscheidung ein bißchen verrückt."
Tatsächlich aber paßte sie exakt zu ihm, der gezielten Tabubruch zu seinem Markenzeichen gemacht hat. Kaum hatte er den Vertrag mit dem neuen Hauptsponsor Gauloises unterschrieben, testete er Schumachers Marlboro-roten Ferrari. Auf der Ehrenrunde verkleidet er sich schon mal als Sträfling, nimmt eine Sexpuppe auf den Sozius oder sucht zur Gaudi der Fans ein Toilettenhäuschen auf.
PR-Termine seiner Geldgeber pflegt Rossi regelmäßig zu schwänzen, dafür warb er nach einem seiner wichtigsten Siege für einen ominösen Hähnchenbrater namens Polleria Osvaldo. Später stellte sich heraus: Den Schnellimbiß gab es gar nicht. Rossi hatte ihn erfunden.
"Er ist ein unreifes Kind"
In seinem Anarchismus macht Rossi auch vor sich selbst nicht halt. Den Spitznamen "IlDottore" verlieh er sich, nachdem er das örtliche Telefonbuch durchgeblättert und entdeckt hatte, daß fast alle Rossis aus Tavullia einen Doktortitel trugen. Auf dem Bauch hat der Superstar eine Schnecke mit seiner Startnummer 46 eintätowiert. Dabei ist er alles andere als ein Kriecher.
Sein Landsmann Max Biaggi, noch immer ohne Titel in der Königsklasse, haßt Rossis unerträgliche Leichtigkeit des Seins. "Er ist ein unreifes Kind", sagt der 33jährige Biaggi über seinen Erzrivalen. Biaggi hat es offenbar nicht begriffen - im Gegensatz zu den Oberen der Rennserie. Die überlegten einst, Rossi für sein Verhalten zu sanktionieren, sorgen heute aber dafür, daß die Kameras genau da postiert sind, wo der Fanklub des Champions steht. Seinen Anhängern zahlt Rossi übrigens die Hälfte ihrer Reisekosten. So wirken die Jubelbilder besser.
Geschätztes Einkommen: 23 Millionen Euro
Hinter der Fassade des Clowns verbirgt sich nicht nur ein äußerst ehrgeiziger und aufs Siegen fokussierter Rennfahrer, den sein Cheftechniker Jeremy Burgess als "harten Arbeiter" charakterisiert. Nein, der "Midas des Motorradsports" (La Repubblica) ist auch Geschäftsmann. In der weltweiten Geldrangliste der Sportstars, aufgestellt vom Forbes-Magazin, liegt Valentino Rossi auf Platz sechs - vor David Beckham, Andre Agassi und Kobe Bryant. Geschätztes Einkommen: 23 Millionen Euro. Daß ein Zigarettenhersteller den Großteil zahlt, obwohl Rossi früher Stein und Bein schwor, niemals Tabakwerbung zu machen, übersehen die Fans gerne.
Schließlich verzaubert er sie nicht nur mit seinen atemraubenden Schräglagen. Dieser schräge Typ ist das Idealbild jedes echten Bikers: der Rebell, der einfach drauflosfährt. Vielleicht ist Valentino Rossis Verhalten Kalkül, aber wissen will das niemand. Valentino sei der größte Motorrad-Rennfahrer aller Zeiten, sagen Wayne Rainey und Michael Doohan, Abonnement-Weltmeister längst vergangener Tage.
Valentino Rossi selbst sucht schon nach neuen Herausforderungen. Im Jahr 2006 könnte sein Sohn in die Formel 1 wechseln, hat Vater Graziano angekündigt - und durchblicken lassen, daß für den Filius kein geringerer Rennstall als Ferrari in Frage käme. Möglicherweise wechselt Rossi aber auch auf ein anderes feuerrotes Spielmobil aus Italien: Ducati, das nach Yamahas Wiederaufstieg die Rolle des Verliererteams übernommen hat, macht ihm eindeutige Avancen. Ganz egal, wie die Zukunft aussehen mag: Der dürre, milchgesichtige Junge mit dem Wuschelkopf hat nicht zuviel versprochen.
Valentino Rossi - Sonnyboy mit Zukunftssorgen Claus Hecking, Frankfurt
Weltmeister Valentino Rossi, Held des Motorradsports, muss erstmals ernste Konkurrenz befürchten. Die kommt ausgerechnet von seinem alten Rennstall.
Die "Veenslang" (Moorschlange) im niederländischen Assen ist für Motorrad-Rennfahrer so etwas wie eine Mutprobe: Mit fast 300 Stundenkilometern müssen sie da in eine überhöhte S-Kurve einbiegen - und dabei maximales Tempo für die nächste Gerade mitnehmen. "Wer hier zu früh bremst, verliert viel Zeit", sagte der deutsche Profi Ralf Waldmann einmal. Aber: "Wer zu spät bremst, verliert seine Gesundheit."
Dieses Schicksal schien Valentino Rossi kürzlich bevorzustehen. Der Superstar der Motorrad-WM verpasste den Bremspunkt, seine Yamaha kam bei Tempo 290 ins Schlingern und brach hinten aus. Die Zuschauer schrien auf. Doch mit einer ruckartigen Körperbewegung gelang es Rossi, die Maschine zu stabilisieren. Eine Runde später wiederholte sich diese Szene; fortan fuhr der Italiener stets dieselbe, riskante Linie: Er hatte entdeckt, dass ihm das späte Bremsen ein paar Hundertstel Zeitgewinn brachte.
Dieser Herr Rossi muss das Glück nicht suchen. Es scheint ihm hinterherzulaufen. Ebenso wie kichernde Mädchen, Autogrammjäger und Journalisten, die den 26-Jährigen auf Schritt und Tritt verfolgen. "Ich betrachte mich als Künstler", hat Rossi einmal diesen Popstar-Rummel kommentiert. Widersprochen hat niemand. Schließlich hat der "Mozart des Motorradsports"(die französische Zeitung "L´Humanité") in neun Jahren nicht nur sechs Weltmeistertitel und 68 Grand-Prix-Rennen gewonnen - sondern auch die Herzen von Millionen Zuschauern. Selbst beim Saisonauftakt im spanischen Jerez am kommenden Sonntag werden Zehntausende Fans dem Italiener zujubeln - und nicht ihrem Landsmann Sete Gibernau, Rossis ärgstem Rivalen.
Tabubrecher
Rossis Beliebtheit ist vielleicht so zu erklären: Er siegt nicht nur in Serie, sondern bricht auch Tabus. Kaum hatte er im vergangenen Frühjahr den Vertrag mit seinem neuen Hauptsponsor Gauloises unterschrieben, testete er Michael Schumachers Marlboro-roten Ferrari. Auf Rossis Lederkombi lässt er in Abkürzungen (die er gern erklärt), nun ja, das weibliche Geschlechtsteil hochleben. Warum auch immer. Auch seine Ehrenrunden haben es in sich: Mal verkleidet sich Rossi als Sträfling, mal nimmt er eine Sexpuppe auf den Sozius, mal kurvt er zur Gaudi der Fans zum Toilettenhäuschen. Auf seinem Bauch ist eine Schnecke mit seiner Startnummer 46 tätowiert - dabei ist er alles andere als ein Kriecher:
PR-Termine seiner Geldgeber schwänzt Rossi trotz seines auf 23 Mio. $ geschätzten Jahresgehalts gern. Dafür warb er nach einem seiner wichtigsten Siege für einen Hähnchenbrater namens Polleria Osvaldo. Später stellte sich heraus: Den Schnellimbiss gab es nicht. Rossi hatte ihn erfunden.
"Vielleicht wirken meine Entscheidungen manchmal ein bisschen verrückt" sagt Rossi. Manchmal. Ein bisschen. Im Winter 2003 schüttelten selbst enge Freunde den Kopf, als Rossi angekündigte, nach drei Weltmeistertiteln mit Honda auf Yamaha umzusteigen. Das ist ungefähr so, als als würde Michael Schumacher freiwillig zu Minardi wechseln. Ein Jahrzehnt lang war Yamaha der Konkurrenz
hinterhergetuckert; der damalige Werkspilot Carlos Checa gelobte gar: "Ich werde jedem den Hintern küssen, der auf diesem Motorrad gewinnt."
Überflieger
Nun muss Checa wohl auf die Knie. Denn Rossi kam, fuhr und siegte. Am Ende der Saison 2004 hatte er alle gedemütigt: Seine Vorgänger bei Yamaha, seine Nachfolger bei Honda - und vor allem seinen ehemaligen Arbeitgeber, der immerhin größte Zweiradhersteller der Welt. Als Rossi gefragt wurde, was Honda tun müsse, um wieder Weltmeister zu werden, antwortete er grinsend: "Ganz einfach: Mich zurückholen."
Honda wählte eine andere Strategie: Rund 40 Mio. $ sollen die Japaner in die Weiterentwicklung des Motorrads investiert haben. Jetzt scheint die mehr als 250 PS starke Honda RC211V bestens gerüstet: Bei Frühjahrstests in Barcelona hängte Gibernaus Honda die Rossi-Yamaha um fast zehn Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit ab. "So macht das Fahren keine Freude", ließ Rossi daraufhin vermelden. Ihm schwant: "Dies wird mein schwierigstes Jahr."
Doch den Überflieger stacheln Probleme oft nur zu neuen Höchstleistungen an. So wie 2003, als er bei einem Rennen zehn Sekunden Zeitstrafe aufgebrummt bekam, trotzdem gewann und danach bekannte: "Das ist das erste Mal, dass ich wirklich von Anfang bis Ende voll gefahren bin." Sollte er in dieser Saison seinen Weltmeistertitel erringen, so wartet womöglich eine ganz neue Herausforderung auf ihn: 2006 könnte er in die Formel 1 wechseln, teilte Rossis Vater Graziano nun mit. Einen Rennstall haben sich die Rossis auch schon ausgeguckt: Ferrari. 05.04.2005