"Wir sind ehrlicher als die Formel 1"
Motorrad-Weltmeister Valentino Rossi hält sich für den Größten und Schumacher immerhin für clever
WELT am SONNTAG: Sie dominieren den Grand-Prix-Sport auf Ihrem Motorrad wie Michael Schumacher in seinem Boliden, gewannen vier Titel und können heute beim Saisonfinale in Valencia in der Klasse bis 990ccm im 17. Rennen zum zwölften Mal triumphieren. Fährt Herrn Rossi das Glück, das er sucht, hinterher?
Valentino Rossi: Der beste Fahrer und das beste Motorrad haben gewonnen. Diese Strecke liegt mir nicht so sehr. Da stehen die Chancen für meine Verfolger gut. Ich habe aber nicht nur Glück, sondern auch ein tolles Team.
WamS: Das klingt nach Michael Schumacher.
Rossi: Mit feinen Unterschieden. Michael verdient wesentlich mehr als ich. Gut für ihn, schlecht für mich. Mein Sport ist ehrlicher, näher dran an der realen Welt als die sterile Formel 1. Dort ist die Technik wichtiger als der Fahrer. Computer steuern die Autos. Schalten Sie bei Schumacher oder Montoya doch mal die elektronischen Fahrhilfen ab. Die fliegen in der nächsten Kurve glatt in den Reifenstapel ab.
WamS: Fahren Sie in Ihrer Freizeit lieber Zwei- oder Vierrad?
Rossi: Motorrad, fast immer.
WamS: Sie wohnen in London. Probleme mit dem Verkehr?
Rossi: Ein Albtraum. Und erst das Wetter. Für mich ist das ein gutes Training, wenn ich bei Regen im Stau Schlangenlinien fahren kann.
WamS: Wann haben Sie den letzten Strafzettel kassiert?
Rossi: Mit dem Motorrad noch nie, da bin ich wohl einfach ein bisschen wendiger als die Polizei. Mit dem Auto haben sie mich schon drangekriegt. Und zwar regelmäßig, wenn ich von meiner Heimatstadt Tavullia unterwegs nach Bologna zur Motorshow bin.
WamS: Bei einem WM-Lauf haben Sie mal Ihrem Kontrahenten Max Biaggi bei Tempo 200 einen Ellbogencheck versetzt. Provozieren Sie gern?
Rossi: Auf der Rennstrecke bevorzuge ich einen extremen Stil. Wenn mir einer ins Gehege kommt, kann ich auch nichts machen. Ich bleibe aber immer fair.
WamS: Wenn Sie in London an einer Ampel stehen, animieren Sie Ihren Nebenmann zum Schnellstart?
Rossi: Ich fahre privat eine Honda CBR 600 mit dem Valentino-Rossi-Schriftzug, ich trage einen Valentino-Helm und die Valentino-Lederjacke. Ich bin mein größter Fan. Der neben mir kommt gar nicht auf die Idee, dass ich das bin.
WamS: Warum ziehen Sie London zum Beispiel Monaco vor, wo viele Formel-1-Piloten leben?
Rossi: Monaco ist gut für zehn Tage, ein Rentnerparadies. London ist näher dran am Leben, wie Motorradfahren. Die Leute sind manchmal rau, aber immer ehrlich. Und es gibt coole Bars und Lounges ...
WamS: ... wo Sie von Ihren weiblichen Fans begeistert empfangen werden.
Rossi: Das hört sich toll an, nicht wahr? Wenn du Erfolg hast, kommen die Frauen ganz von allein. Da sind sie wie ihr Journalisten. Aber das Problem ist, dass sie alle sehr, sehr jung sind. Für die wirklich schönen Frauen muss auch ein Valentino Rossi kämpfen.
WamS: Mit Erfolg?
Rossi: Bisher sind sie mir nur im Traum erschienen.
WamS: Würden nicht Frauen zur größeren Attraktivität des Motorsports beitragen?
Rossi: Nein, das ist ein Männersport. Wie Boxen.
WamS: Wir haben in Deutschland die Faustkämpferin Regina Halmich und die Motorradfahrerin Katja Poensgen.
Rossi: Ach ja, Katja. Ich kenne sie. Eine schöne Frau. Was macht sie gerade?
WamS: Nach ihrem kurzen Debüt in der Halbliterklasse testet sie und hofft auf einen neuen Vertrag.
Rossi: So eine Attraktion funktioniert vielleicht ein Jahr, dann ist der Reiz vorbei. Sie macht ihre Sache gut. Ich mag sie wirklich, aber es kann nicht darum gehen, die Letzte unter den Männern zu werden. Wer will das sehen? Es ist der Sieg, der zählt.
WamS: Mit Verlaub, aber Ihre Siegesfahrten haben zuletzt immer weniger Fans verfolgt. In der Formel 1 hat man Reformen eingeführt. Könnten Sie sich mit einem Punktesystem arrangieren, das den zweiten Platz aufwertet, so dass der Motorrad-Grand-Prix wieder spannender wird?
Rossi: Das ist Unsinn. Ein Sieg ist das Höchste, wonach ein Sportler strebt. Ich würde sogar 30 statt 20 Punkte für Platz eins vergeben.
WamS: Was in der Formel 1 das Duell Schumacher gegen Villeneuve war, ist im Motorradsport der Zweikampf Rossi gegen Max Biaggi. Der "Mozart des Motorradsports" gegen den Draufgänger "Mad Max". Gefällt Ihnen diese Rollenzuteilung?
Rossi: Die Fans mag das anheizen. Ich mache keinen Unterschied, ob ich gegen Biaggi, Alex Barros oder Tohru Ukawa fahre. Max hat mich mal ein unreifes Bürschchen genannt. Das sagt alles. Er kann nicht verlieren.
WamS: Wurmt es Sie, dass Biaggi 1999 schon einmal Schumachers Ferrari testen durfte.
Rossi: Danach hieß es: Jetzt muss der Valentino auch nach Maranello. Wissen Sie, was Luca di Montezemolo (Ferrari-
Präsident, d. R.) gesagt hat?
WamS: Nein.
Rossi: Wir sind nicht bei Avis (Autovermietung, d. R.).
WamS: Sie haben angeblich ein Angebot vom Formel-1-Team BAR.
Rossi: Das haben die Journalisten und Teamchef David Richards wohl unter sich ausgemacht. Mit mir hat niemand gesprochen. Ich würde zusagen.
WamS: Mitte November fahren Sie in Großbritannien einen Lauf zur Rallye-WM. Am Steuer?
Rossi: Natürlich. Co-Pilot wäre keine Herausforderung für mich. Ich habe schon letzte Woche in den italienischen Alpen den Peugeot getestet. Ich habe noch ein Jahr einen Vertrag bei Honda, vielleicht komme ich ja auf den Geschmack und probiere auch noch ein Formel-1-Auto aus.
WamS: Und Michael Schumacher steigt auf zwei Räder um?
Rossi: Er würde eine Menge Spaß haben und im Gegensatz zu seinem Käfig aus Kohlefaser die Geschwindigkeit hautnah spüren. Sagen Sie ihm: Wenn er will, kann er mich anrufen. Jederzeit. Er braucht nicht mal eine Lizenz. Mein Motorrad steht bereit.
WamS: Das Angebot des Rallyefahrers Colin McRae, die Autos zu tauschen, hat Schumacher ausgeschlagen.
Rossi: Weil ihn Colin in Grund und Boden fährt. Er würde ihm ganz schnell eine Minute abnehmen, und jeder hätte gesagt: Er ist doch nicht der Schnellste. Schumacher ist clever. Cleverer als Sie und ich.